Rezensionen:
Es folgen Rezensionen von Büchern aus meinen Verlagen, die ich in den letzten Jahren für eine Kulturzeitschrift schrieb. Sie können sie uneingeschränkt für Ihre Arbeit verwenden. |
1. Gernhardt, Robert, Was gibt? s denn da zu lachen?!, Ein Liveprogramm mit Juliane Kosarev (Rezitation/Gesang) und Uli Schmid (Klavier), Steinbach sprechende Bücher, 1 CD, 69 Minuten, ISBN 3-88698-747-7, empf. LP 17,90
Soeben hat Robert Gernhardt zu Recht den Heine Preis der Stadt Düsseldorf erhalten. Seine lyrisch-satirischen Qualitäten suchen ihresgleichen in Deutschland. Die Unmittelbarkeit seines sprachlichen Ausdrucks und sein Mut, selbst nur angerissenes Denken in Worte oder in beliebiges Versmass zu kleiden, sind außergewöhnlich. Auf der vorliegenden CD haben Juliane Kosarev (Rezitation/Gesang) und Uli Schmid (Klavier) den anspruchsvollen und gelungenen Versuch unternommen, Gedichte von Gernhardt aus den letzten Jahrzehnten rezitativ, bisweilen gesanglich und mit arrangierter Musik unterschiedlichster Stile und Epochen, in einem Liveprogramm anzubieten. Drei Faktoren offerieren ein Hörerlebnis ersten Ranges. 1) Laut vorgetragene Gedichte vermitteln ein anderes Aroma, eine andere Wahrnehmungsfarbe. Hier trifft das in besonderem Maße zu. 2) Die Rezitationskunst von Juliane Kosarev hebt den Gernhardt auf eine andere Vitalitätsebene., veredelt gewissermaßen. Ich dachte gar nicht, dass das bei diesem Autor noch möglich ist.3) Das Liveprogramm ist mehr als ein gekonntes Miteinander von Wort und Musik. Es ist ein choreografischer Genuss, weil Uli Schmid in genialer Zwiesprache mit dem Wort Eigenes, Fremdes und Vertrautes am Klavier beisteuert.
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2. Eva Heller, Ich bin Künstler, ich kann alles malen - Die kreative Malschule für Kinder und sogar für Eltern, Lappan Verlag, 56 farbige Seiten, gebunden, ISBN 3-8303-1055-2 Euro 15,95 ab 6 Jahre
Bücher können nicht die spielerische Interaktion zwischen Eltern und Kindern ersetzen. Die kreative Malschule von Eva Heller lädt Kinder und Eltern zur künstlerischen Zusammenarbeit heraus. Und das in einer Zeit, wo die Eltern oft aufgrund beruflicher und alltagspraktischer Zwänge, die Kinder in die Selbstbeschäftigung schicken. Dieses Buch bringt ein gruppendynamisches Abenteuer in den Familien in Gang.. Sie brauchen lediglich Kartoffeln, ein Messer, einen schlichten Kasten mit Wasserfarben, einen Pinsel und ein wenig Papier. Das gibt jede Familienkasse her. Und was sie allerdings brauchen ist Zeit! Und dann folgen sie Eva Heller mit diesem brandneuen Lappan Buch vertrauensvoll Schritt für Schritt. Sie schafft einen famosen Einstieg in die moderne Malerei, weil sie mit klarer, geschliffener und ausgereifter Didaktik und Methodik zeigt, dass die große Malerei vom Weglassen lebt. Die übersichtlichen Formen des hier neu belebten Kartoffeldrucks verblüffen und vermitteln auch den ängstlichen Typen unter den Erwachsenen sofort ein Erfolgserlebnis, sozusagen mit Garantie. Eva Heller ermutigt, immer noch einen Schritt weiterzugehen. Zunächst gelingen mühelos mit nur zwei Formen die Vögel. Danach entsteht ein Korb voller Weintrauben, Luftballons, die in die Wolken fliegen. Es folgen Wälder, Hochhäuser, Autostraßen etc. Der Kartoffeldruck liefert die Form, die Sicherheit ausstrahlt. Die Farben verleihen den Bildern Leben. Natürlich erhalten sie glasklare Anweisungen wie Farben zu mischen sind, damit sich zum Schluss eine ganze Wiesenlandschaft vor unserem Auge entfaltet. Voilà, jetzt haben wir das Standardwerk!
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3. Andreas Dierßen, Ralf Butschkow, Die Böse Buben AG, Lappan Verlag, Bilderbuch, gebunden, 36 Seiten, ab 5 Jahre, 12,90 Euro
Jeder kennt die magischen Kräfte der Kuscheltiere, sonst hätten sie z.B. ihre Bedeutung als wirksame Einschlafhilfe längst verloren. Selbst stumm schielende Teddys können die Herzen der härtesten Jungs erreichen und verändern. Das Autoren- und Illustratorenteam macht uns mit einer raubeinigen, vorpubertären Jungenbande bekannt. Sie haben sich auf handfeste Streiche spezialisiert und agitieren launisch in ihrer Nachbarschaft. Dabei versetzen sie nicht nur Aldi- und Plus-Filialleiter in Angst und Schrecken, sondern necken auch amüsant unsere Ordnungshüter. Mein Lieblingsbild zeigt sie mit bewusster Inkontinenz im heimischen Schwimmbad. Doch jedes Verhalten hat auch noch eine andere Seite, die der zufällig geschenkte angeschmuddelte Teddy offenbart. Sie nehmen sich seiner fürsorglich an, entwickeln eine Nähe zu ihm und werden von ihm unversehens verwandelt. Aus der Böse Buben AG wird eine kleine Liebe Buben AG, die, freilich versteckt, immer noch ein bisschen böse sympathisch ist.
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4. Bertelsen, Martin / Kozok, Hartmut, Jasper schafft Platz, Ein Vorlese-Bastelbuch, Lappan Verlag, 38 farbige Seiten gebunden im Querformat, ISBN 3-8303-1086-2, Euro 12,95
Klopapierrollen sind der neue, alte Stoff aus dem Kinderträume sind. Eine bekannte Bastelidee, die vor allem in den Kindergärten immer noch fröhliche Urständ feiert. Aber auch zuhause sind rasch sind 10, 20 oder 30 Klopapierrollen beisammen, wenn die Nachbarn, die Großeltern, die Onkel und Tanten mithelfen. Nebenbei fördert dieses Zusammentragen nebenbei auch noch die Pflege mitmenschlicher Beziehungen. Nur zwei Rollen sind nötig, um ein funktionsfähiges Fernglas herzustellen. Mit sieben Rollen kann die Rakete abzischen. Und vierzehn Rollen machen jeden Goldschmied hierzulande arbeitslos, weil damit der Indianerschmuck um den Hals gehängt werden kann. Allerdings sind ungefähr 250 Klopapierrollen erforderlich, um mit Geduld und Feingefühl in die Annalen der Bastelkunst einzugehen. Das ist nämlich die Basis für eine imposante Ritterburg, die in jedem Kinderzimmer sofort alle Blicke auf sich zieht und die Zeit spielend aus den Angeln hebt. Und jetzt erwartet die Ritterburg geradezu die Besitzergreifung durch die Knappen aus dem Hause playmobil. Autor und Illustrator haben unter Zuhilfenahme moderner Computertechnik ein ungewöhnliches Buch geschaffen, das den schöpferischen Umgang mit einem Stück alltäglichen Papiermülls lustvoll erweitert. Sie zeigen eindrucksvoll wie grenzüberschreitend die Fantasie doch ist.
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5. Wolf Erlbruch, Die große Frage, Peter Hammer Verlag, 52 Seiten gebunden als hochformatiges Bilderbuch, ISBN 3-87294-948-9 Euro 14,90 ab 5 Jahre
In diesem Buch wird eine der uralten Menschheitsfragen mit Hilfe großer Grafikkunst zu unseren Herzen transportiert. "Weshalb sind wir auf der Welt?" Jeder hat dazu hoffentlich seine eigenen Antworten. Das lockt zu Begegnung und Kommunikation. Wolf Erlbruch nimmt diesen Gedanken vom unzähligen Plural der Antworten auf und entwirft einen faszinierenden, atemberaubenden Spannungsbogen zwischen Überraschungsmoment, spielerischer Leichtigkeit, Nonsens, Herzenswärme, Esprit, Wagemut und politischem Fingerzeig. So ist der Bäcker auf der Welt, um früh aufzustehen, der Blinde, um zu vertrauen, der Soldat, um zu gehorchen, die Schwester, weil sie sich selbst lieb hat, die Ente, weil sie davon keine Ahnung hat und die Mutter ist auf der Welt, weil sie Dich lieb hat. Erlbruchs Grafik ist nicht minimalistisch, sondern sie lebt von der An-Deutung. In jedem Bild steckt die Einladung, die visuelle Aussage persönlich zu ergänzen, bzw. das Bild schlicht zu verinnerlichen. Die Figur des Soldaten lebt z.B .vom Stechschritt, einer Gehweise, die absolut unnatürlich ist und die Entfremdung seiner Persönlichkeit vor Augen führt. Nicht das Töten steht im Vordergrund, sondern die lebenswichtige Gewissensfrage. Dieses Buch kann zu verschiedenen Anlässen wie Geburt, Taufe, Hochzeit, Geburtstag mit nachhaltiger Lust und sympathischen Wahrnehmungsfolgen beim glücklichen Empfänger verschenkt werden. Ein Meisterwerk, zufällig im Bilderbuchformat, für alle Lebensalter bietet es herzerfrischende Gesprächsanlässe.
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6. Eduardo Galeano, Zeit die spricht, Peter Hammer Verlag, 398 Seiten gebunden mit SU, aus dem Spanischen von Lutz Kliche, ISBN 3-7795-0027-2 Euro 22,-
Befassen wir uns mit dem lateinamerikanischen Kontinent in Geschichte und Gegenwart, stoßen wir rasch und unweigerlich auf den existenziell-fabulierenden Chronisten und menschenfreundlichen Anwalt Eduardo Galeano. Seine "Offenen Adern" avancierten in den zurückliegenden Jahrzehnten zum Geschichtsbuch schlechthin. In seinem neuesten Werk, was wiederum viele Jahre der Recherche beanspruchte, weitet er seinen Blick über seinen Heimatkontinent hinaus. In 333 literarischen Miniaturen wird uns eine Begegnung mit der Welt angeboten. Auf unnachahmliche Weise schenkt er uns Teilhabe mit den staunenden Blicken eines Kindes, mit dem Forschergeist eines Wissenschaftlers, mit der stoischen Gelassenheit eines Nomaden, mit dem Spürsinn eines Schamanen, mit dem analytischen Seziermesser eines aufrichtigen Journalisten und schließlich mit der leidenschaftlichen Suche nach dem unverfälschten Leben. Galeano beobachtet engagiert und wertschätzt die Fülle des Augenblicks. Er schreibt gern und bevorzugt gegen den Strom, weil seine Sehnsucht nach den wirklichen Quellen menschlichen Lebens zum inneren Qualitätsmaßstab heranreifte. Auch und gerade die historischen Begebenheit wird von ihm in frischer Unmittelbarkeit erzählt. Galeano kann zu jedem Menschen sprechen. Seine Geschichten atmen universalen Geist, durchstreifen die Elemente und repräsentieren die zärtlichsten und heftigsten menschlichen Gefühle. Wer dieses Buch langsam, ausdauernd, auch mit größeren Unterbrechungen, liest, weitet seinen inneren Lebenshorizont.
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7. Ulrike Hinrichs/Dana Nowak, Auf dem Rücken der Patienten, Selbstbedienungsladen Gesundheitssystem, Chr. Links Verlag, 192 Seiten, Broschur, ISBN 3-86153-347-2 Euro 14,90
Vielleicht ist die Umsatzgröße von ca. 150 Milliarden Euro im deutschen Krankheits- und Gesundheitsmarkt Problem und Schicksal von uns allen. Die Autorinnen, Gesundheitsexpertinnen der ZDF-Sendung "Frontal 21" , unternehmen den mutigen und letztlich geglückten Versuch, Abläufe, Abhängigkeiten und Interessen auf diesem Markt aufzudecken. Immer mit dem Ziel, das Profil des mündigen Patienten zu unterstützen und zu entwickeln. Sie bieten nachvollziehbare Informationen aus den wesentlichen Meinungsrichtungen an, damit die eigene Urteilsbildung weiter reifen kann. Die Situation der verwaltungsüberladenen "Krankenkassen" wird ebenso kompetent transparent gemacht wie das übermächtige Interesse der monopolstrukturierten "Kassenärztlichen Vereinigung" . Der scharfe Blick auf die gut situierte Pharmaindustrie ist genauso anzutreffen wie die verschiedenen Standorte unserer politischen Parteien. Würden wir dem derzeitigen System nur ein klein wenig "Marktwirtschaft" auf Rezept verordnen, dann befänden sich sowohl der "Patient Gesundheitsreform" als auch der "Patient Verbraucher" auf dem Wege der Besserung. Dieses Buch war nicht nur überfällig, um endlich die Rolle der krankenversicherten Bürger zu stärken, sondern auch deshalb, weil es schlicht um die Demokratisierung unseres Gesundheitssystems geht.
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8. Gerald Hüther, Die Macht der inneren Bilder, Wie Visionen das Gehirn, den Menschen und die Welt verändern, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 138 Seiten, Broschur, ISBN 3-525-46213-1 Euro 14,90
Wussten Sie, dass der Anteil von Nonsens in unserer DNA am höchsten ist? Wir bergen also Substanzen in uns, die zum freien Spiel, zur grenzenlosen Fantasie einladen. Der Neurobiologe Hüther hat in der jüngeren Vergangenheit mit seinen Schriften ("Biologie der Angst" , "Wie aus Stress Gefühle werden" , "Die Evolution der Liebe" ) dazu beigetragen, die Forschungen der Naturwissenschaften, der transpersonalen Psychologie, der Pädagogik und der Theologie miteinander zu versöhnen. In seinem neuesten Werk spricht er von den tieferliegenden Bildern des Menschen und deren Gestaltungskraft, die letztlich für die Formung und lebenslange Ausprägung des Gehirns verantwortlich sind. Bilder sind Urmotive des Lebens, die sich in unserem Innern einnisten und je nach Licht- und Schatteneinfluss, tatsächlich alltagswirksame, neuronale Spuren in unserem Gehirn hinterlassen. Die Bildkräfte des Menschen werden sozusagen vom Gehirn "verwaltet" . Dort warten sie auf Pflege, Bewegung, Inanspruchnahme und Anreicherung. Nur wer an seinem Selbstbild arbeitet und sich nicht scheut, neue vitale Bilder vom Auf und Ab des Lebens zuzulassen, bleibt bis zum letzten Atemzug geistig wach, schöpferisch und flexibel. Die lebenslange Plastizität unseres Gehirns lebt von der Bejahung des Individuums und der permanenten Interaktion zwischen Innen- und Außenwelt. Evolutionäre Energie durchflutet unser Leben, wenn wir unsere Bilder zu Visionen reifen lassen, die unsere Lebensangst transformieren und uns ganz Mensch werden lassen. Nach der Lektüre werden sie den Kräften der Zuversicht mehr Aufmerksamkeit schenken.
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9. Harriet Grunewald / Selda Marlin Soganci, Frau Machova wartet auf den Postmann, Bilderbuch aus dem Peter Hammer Verlag, 34 Seiten gebunden durchgehend vierfarbig, ISBN 3-7795-0024-8, Euro 13,90
Der Postmann: Die Beatles haben ihn besungen. Antonio Skármeta setzte ihm mit seinem Roman "Mit brennender Geduld" ein Denkmal. In meinem Stadtteil Wehringhausen trägt der Mann, allerdings verantwortlich für die nicht minder wichtigen Pakete, den Namen Koßmann. Und in diesem Bilderbuch heißt er einfach der Postmann. Er kennt die Nöte, Vorlieben und Verrücktheiten seiner Kunden. Unterschiede und Häufigkeit des Posteingangs sprechen eine eigene Sprache und der Absender verrät oft unschwer, ob Freud oder Leid als Nachricht ins Haus kommt. Nun erhalten alle Post, nur eben nicht Frau Machova. Der Posteingang bei den Nachbarn, wird uns lustvoll vor Augen geführt. Auch die Traurigkeit von Frau Machova, die heute wieder leer ausgeht. Das verlangt konkretes Handeln. Der Postmann schreibt Frau Machova einen Brief, wenn es schon kein anderer tut. Und der ist freundlich aber auch anonym, damit er mit der aufgeregten Frau Machova einen ganzen Tag verbringen kann, um nach dem tatsächlichen Absender zu suchen. Mit den Bildern von Selda Soganci schließlich geriert sich das Buch zu einem opulenten, burlesken Vergnügen.
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10. Annette Herzog, Jens Rassmus, Schlüssel verloren, Peter Hammer Verlag, 24 Seiten gebunden mit durchgehenden vierfarbigen Bildern, ISBN 3-7795-0036-1 Euro 12,90 ab 4 Jahre
Sommer, Sonne, Strand, purer Genuss am Meer und abends ist der Schlüssel weg. Dann sind die Panikattacke und Adrenalinausschüttung garantiert. Paulina und ihre Mutter versuchen der wachsenden Verzweiflung mit Suchenergie und Fantasie zu begegnen. Zunächst total ergebnislos. Doch Suche produziert eine diffuse Hoffnung. Ein paar Schritte entfernt hockt Jan Pelle mit seinem Vater. Sie haben einen Schlüssel gefunden und überlegen wie er nun in die richtigen Hände gelangt. Geschickt, mit Spannung, Dynamik und Detailfreude führt der Maler Jan Rassmus die Sucher und Finder in dieser Geschichte nun immer mehr zueinander. Manchmal möchten wir sie geradewegs anstupsen, um sie zusammenzuführen. Schließlich kommt Paulina die Idee mit der Flaschenpost. Allerdings braucht sie dazu die noch gefüllte Cola von Jan Pelle. Das gibt kurze Zeit später Zoff, allemal eine Form von Begegnung. Und die Schlüsselübergabe ist nicht mehr fern. Dieses Bilderbuch ist kurzweilig und vergnüglich und kommt daher wie ein leichter warmer Sommerwind.
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11. Jürgen Gottschlich, Die Türkei auf dem Weg nach Europa, Ein Land im Aufbruch, Christoph Links Verlag, 184 Seiten, broschiert, ISBN 3-86153-330-8 Euro 14,90
In wenigen Jahren werden deutsche Kinder nicht mehr genau wissen, welcher Herkunft der Döner ist. Obst und Gemüse kaufen viele Deutsche bereits beim türkischen Lebensmittelhändler. Ohne die Mitbürger türkischer Herkunft in unserem Land würden überhaupt wesentliche Strukturen unserer Republik zusammenbrechen. Dennoch lehnt die Mehrheit der Deutschen einen Beitritt der Türkei in einer erweiterten Europäischen Gemeinschaft ab. Dem unmittelbaren Mitgliedswunsch der Menschen am Bosporus steht eine Front von Misstrauen, Zweifel und diffuser Überfremdungsangst hierzulande gegenüber. Das ist der Ausgangspunkt für den Autor Jürgen Gottschlich, der seit fast 25 Jahren regelmäßig als Journalist die Türkei bereist, seit sechs Jahren in Istanbul lebt und als Türkei-Korrespondent für diverse deutsche Zeitungen arbeitet. Er lüftet den Schleier von Unkenntnis, Halbwissen und zertrümmert mit seinen lebendigen Reportagen die Angstmauern in den Hinterhöfes des Vorurteils. Wer kennt schon den Lebensweg des derzeitigen islamischen Staatspräsidenten Tayyip Erdogan? Wer weiß überhaupt etwas von den Grundüberzeugungen türkischer Innen- und Außenpolitik? Wer kennt die Bemühungen zahlreicher Europaparlamentarier, subtanzielle Begegnungsebenen mit der Türkei zu schaffen? Wer weiß Konkretes vom unglaublichen Jahrhundertelend der Kurden in der Türkei? Als Natopartner und als militärisches Bollwerk gegenüber einem islamischen Orient sind sie uns willkommen. Doch die vollwertige Mitgliedschaft in der Europäischen Union verweigern wir. Jürgen Gottschlich belegt eindrucksvoll, dass vor allem die Türkei die kulturelle Brücke zwischen Okzident und Orient schlagen kann.
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12. Dolf Verroen, Wie schön weiß ich bin, Peter Hammer Verlag, 70 Seiten gebunden, aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf, ISBN 3-7795-0039-6 Euro 12,- ab 13 Jahre
Diese Erzählung des holländischen Autors Dolf Verroen ist in 40 kleine Kapitel unterteilt. Sie werden dieses Buch in einer knappen Stunde von vorn bis hinten lesen. Und wenige Tage später noch einmal. Und immer wieder entdecken sie Nuancen im Verhalten der handelnden Personen. Feine sprachliche Zwischentöne, um das Unerhörte dieser meisterhaft komponierten Geschichte tiefer aufzunehmen, gar zu begreifen. Es geht um Sklaverei! Ja, sie lesen richtig! Abgeschafft, denken sie! Weil es vor langer Zeit in Surinam geschah. Weit gefehlt! Zum 12. Geburtstag wird Maria der kleine Sklave Koko geschenkt. Bald ist sie unzufrieden mit ihm, deshalb wird er mit Hilfe des Vaters auf dem Markt gut verkauft. Danach kommt Ula, eine junge Sklavin, an die Seite von Maria. Verroens Stil zieht sie mitten in die tiefen Schatten der Menschheitsgeschichte hinein. Sie müssen sich dieser herrenmenschlichen Ungeheuerlichkeit stellen. Diese Konfrontation klärt und macht das Buch pädagogisch im besten Sinne wertvoll, weil Menschenwürde auch heute in weiten Teilen der Welt mit Füßen getreten wird. Und der Menschenhandel blüht. Er trägt nur andere Namen. Lassen sie sich von der läuternden, motivierenden und treibenden Kraft dieser Geschichte anrühren, damit die Demut der Arroganz den Rang abläuft.
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13. Karin Koch / André Rösler, Kannst Du brüllen? Peter Hammer Verlag, 36 Seiten, gebunden, Euro 12,90 Bilderbuch ab 5 Jahre
Die beiden Künstler arbeiten seit Jahren für das Bayrische Kinderfernsehen. Die Bilder von André Rösler sind nicht weit von der Trickfilmanimation entfernt und offenbaren cartooneske Züge. Dabei stoßen sie auf durchaus vertraute Sehgewohnheiten und sind herrlich exzentrisch überzeichnet in Mimik und Ausdruck. Vielleicht haben die Bilder auch etwas "Lautes" ? Denn es geht ums Brüllen. Der Frosch fragt den Papagei, dieser die Kuh, jene den Affen usw. Und alle geben sie eine Kostprobe ihres Brüllens. Bis die Giraffe an der Reihe ist. Die bringt galant einen völlig neuen Aspekt ins Brüllspiel, ohne den menschliches Leben undenkbar wäre. Sie ergreift ihren Willen und bahnt den Pfad der Freiheit, indem sie antwortet: "Können schon, aber wollen nicht!" Die Geschichte verlässt die nur akustische Ebene und mündet in das weite Feld der Freiheit, die der Frosch bitternötig hat und auf sich bezieht. Denn er kann nicht brüllen und antwortet im Stil der Giraffe: "Wollen schon, aber können nicht!" Noch ein letztes Mal macht er sich das Freiheitsangebot der Giraffe zunutze und hüpft mutig durch die Gegend. Prima, denn hüpfen können auch die anderen Tiere. So mutiert diese köstliche Urschrei-Therapie für Kinder zum famosen Solidarakt. Meisterhaftes Debüt!!
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14. Horst Künnemann, Mario Grasso, Die schönsten Märchen aus Tausendundeiner Nacht, Lappan Verlag 2004, 240 Seiten gebunden mit Halbleinen, ISBN 3-8303-1070-6 24,95 Euro
Auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober, der weltweit größten Veranstaltung dieser Art, stellen sich die arabischen Länder in einer umfassenden Sonderausstellung dar. Pünktlich zu diesem Ereignis legt der Lappan Verlag dieses Hausbuch vor. Eine Kostbarkeit für die ganze Familie. Seit Jahrzehnten fehlt eine zeitgemäße Textbearbeitung dieser Märchen, die auch geeignet ist, Kinder in den magischen Bann des Orients zu ziehen. Dem fabulierenden Nacherzähler Prof. Horst Künnemann und dem Schweizer Bilderbuchkünstler Mario Grasso gelingt ein famoses Kunststück. Natürlich gehören Erzählungen wie "Aladin und die Wunderlampe" u.a. inzwischen zum Allgemeingut. Doch diese Geschichten entfalten erst dann ihr orientalisches Aroma, wenn sie wieder in den Erzählbogen der weisen Scheherazade hinein gestellt werden. Mit überströmender Phantasie hält sie den Sultan bei Laune, erweitert seine Gunst und kann dadurch ihren eigenen Lebensfaden weiterspinnen. Diese alten Geschichten bewegen sich somit unsichtbar auf der Schwelle zwischen Leben und Tod, beziehen daraus ihre Kraft und konnten deshalb Jahrhunderte überdauern und das Orientbild des Europäers nähren. Nicht eine Seite in diesem Buch ohne Bilder oder großzügigen ornamentalen Schmuck. Kraftvoll, lebendig und geschmacksbildend kommt uns diese künstlerische Energie von Mario Grasso entgegen, wenn wir uns diesem exzellenten Märchen-Hausbuch zuwenden.
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15. Moeyart, Bart u. Erlbruch, Wolf, AM ANFANG, Peter Hammer Verlag, Großformat, gebunden, 32 Seiten, Euro 16,90 ISBN 3-87294-938-1
"Am Anfang war das NICHTS ...wenn du den Anfang von allem sehen willst, musst du sehr viel weglassen. Auch deine Mutter." Das sind Anfangs- und Schlusssatz des ersten Textabschnittes von Bart Moeyart, einem sprachlichen Seiltänzer aus Belgien. Erlbruch zeichnet zu diesen starken Sätzen eine beschürzte Mutter, die hastig in der rechten unteren Bildecke aus unserem Gesichtsfeld verschwindet. Moeyart lehnt sich in der Grundstruktur an den 7-tägigen Schöpfungsimpuls der Bibel an. Und Erlbruch nimmt grafisch genial das Motiv des dialogischen Prinzips auf. Gott, in der vertrauten, nuanciert überdrehten Form des älteren Herrn mit Rauschebart und leicht transparenter Ewigkeitskrone und einem kleinen Herrn, der auch glatt als Juniorchef eines gelangweilten Bestattungsunternehmers durchgehen könnte. So evolutioniert es vor unseren Sinnen im spielerischen Ent-Wurf aus dem Nichts. Wir wissen aus der Physik, dass sich dort die dichteste Energie verbirgt und auf den Weckruf wartet, damit wir über das ästhetische Gestaltwerden ins Staunen kommen. Durch das ganze Buch zieht sich eine wohltemperierte Spannung. Sie ähnelt "einem stillen Zimmer, wo sich eine Maus bewegt und gerade die Katze aufwacht." Das Trio von Wort-, Bild- und Übersetzungskunst schafft ein rasantes Meisterwerk, das auch noch die nächste Generation begeistern wird.
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16. Anne-Lise Grobéty, Die Zeit der leisen Worte, Peter Hammer Verlag 2004, 80 Seiten gebunden, ISBN 3-7795-0011-6, Euro 11, ab 15 Jahre
Wer in der Literatur nur das "Wenige" ausdrücken will, der muss ein außerordentlicher Sprach-Handwerker-Künstler sein. Anne Lise Grobéty stellt uns zwei Familien in den 1930er Jahren vor. Der Focus richtet sich auf die Väter und deren Söhne. Beide Familien, die eine deutscher Nationalität und vermutlich christlichen Glaubens, die andere deutscher Nationalität und jüdischen Glaubens, leben Haus an Haus, Garten an Garten. Uns wird von einer wirklichen Männerfreundschaft erzählt. Die Väter sitzen Sommertags gern im Garten und lesen sich bei einem Schoppen Wein laut Gedichte vor, z.B. Heinrich Heine und Konsorten. Aber auch Selbstverfasstes ruft immer wieder herzerfrischendes Lachen hervor. Machen wir einen Zeitensprung! Draußen sind die Nazis an der Macht und vergiften den Alltag der Menschen. Die Judenhetze und -pogrome sind im Gange. Das Unheil kriegt in die Geschichte hinein und droht diese Freundschaft zu zerstören, die von den Söhnen eifrig nachgeahmt wird. Oft hat der deutsche Vater seinen jüdischen Freund zur Flucht angemahnt& Im Finale macht die Autorin klar, dass kein Inferno wirkliche Freundschaft vernichten kann und das die basalen Gefühle des Menschen unsterblich sind.
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17. Max Bolliger, Giovanni Manna, WEIHNACHTEN IST, WENN... , gebunden, 32 Seiten, Bohem Press, ab 5 Jahre, 13,50 Euro
Wie sollen wir einem anderen Menschen mit Worten die Liebe erklären? Vielleicht ist es noch schwieriger, jemandem aus einer anderen Kultur unser Weihnachtsfest nahe zu bringen? Da werden wir schnell ins Stottern kommen. Metaphern können uns da auf die Sprünge helfen. Z.B. Weihnachten ist, wenn& .Mit diesem Spiel können sie auch zur Produktion des Wunschzettels gelangen. Der Schweizer Schriftsteller Max Bolliger geht diesen Weg. Damit er deutschsprachige Kinder nicht beschämen muß, hat Assia, ein Flüchtlingskind, die tragende Rolle in diesem Bilderbuch inne. Sie wohnt erst kurze Zeit in Mitteleuropa und Weihnachten ist ihr in dieser Form fremd. Als die Lehrerin in der Schule dann auch noch das Wort Advent ins Spiel bringt, hat Assia den Mut, nach Weihnachten zu fragen. Geschickt lässt die Lehrerin die Kinder nach einer Antwort ringen. Sogleich purzeln die Metaphern seitens der Kinder. Vielleicht reibt sich die Lehrerin verwundert die Ohren, doch sie hütet sich vor einer Bewertung. Dagegen präsentiert sie nun ihr Bild von Weihnachten, das von der alten biblischen Legende geprägt ist. Mit von der Partie sind auch die Heiligen Drei Könige, wo nach der Überlieferung einer Assias Hautfarbe trägt. Klug verknüpft die Lehrerin diese Tatsache mit der fragenden Anwesenheit von Assia und macht den Vorschlag, diese Geschichte auch nachzuspielen. Die Kinder nehmen diese Idee begeistert auf und jemand streicht Assia liebevoll über ihren krausen Haarschopf. Spontan sowie lauthals verkündet Assia, dass sie nun weiß, was Weihnachten ist. "Weihnachten ist, wenn ich froh bin." Für mich das wichtigste Weihnachtsbuch seit langem, weil es zu einer Zeit kommt, wo nachweislich jedes zweite deutsche Kind nicht mehr weiß, welchen Ursprung Weihnachten hat. Kaufhof bietet 1000fach, alles unter einem Dach. Doch Weihnachten hat eine andere Quelle. Der junge italienische Illustrator Giovanni Manna steuert tatsächlich ein frohmachendes Farbenspektakel bei. Er kommuniziert ganz tief mit dem Text und schafft auf seine Art einen völlig neuen, erfrischenden Blick auf Weihnachten. Ein Buch für die ganze Familie, zeitlos und ohne romantische oder sentimentale Garnitur.
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18. Anthony Browne, Das Farbenspiel, Lappan Verlag, 28 Seiten, gebunden, großformatiges Bilderbuch, 12,90 Euro, ab 5 Jahre
Haben Sie schon mal mit ihren Kindern ein Museum für Moderne Kunst besucht? Was, Sie trauen sich nicht? Weil sich in Ihrer Familie kaum jemand für Malerei und so etwas interessiert? Das sind Sie genau der richtige Typ für die Lektüre dieses Buches! Aus meiner Sicht das impulsivste und absichtloseste in der Angelegenheit Museumspädagogik. Anthony Browne zeichnet eine vierköpfige Familie, Vater, Mutter, Sohn und Tochter, die zufällig oder geplant, was einerlei ist, die Tate Gallery in London besuchen. Sie rätseln, reiben sich die Augen, ermüden, langweilen sich und dennoch entdecken sie auch Reizvolles, wichtige Nebensächlichkeiten, Dinge, Gegenstände, gezeichnete Gedanken, die mit ihrem Alltag zu tun haben. Ja, bisweilen werden sie sogar von den Bildern regelrecht angesprungen. Die Motive verlassen den Rahmen, weil sie sich mit der Gegenwart des Betrachters verbinden. Anthony Browne verfremdet z.B. ein Bild von Maillet, indem er dort an die unmöglichsten Stellen Würste hineinmalt. Manchmal erschließt sich halt das Original über die freche Kopie. Das Buch wimmelt von derartigen burlesken Scharmützeln und fesselt jedes Kind, auch das im Manne. Wer will, kann einen ganzen Kindergeburtstag damit bestreiten. Und das Formenspiel kann auch eine müde Party retten!
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19. Jens Soentgen, Selbstdenken, Peter Hammer Verlag, 224 Seiten gebunden mit Leseband, 19,90 Euro, ab 17 Jahre
Wussten Sie eigentlich, welcher Lesetyp Sie sind? Mehr Zuklapper, Fetischist, Auswerter oder Aufsteller? Und wussten Sie bisher etwas über dasselbe Verhältnis von Politikern zu Wissenschaftlern und Betrunkenen zu den Laternen? Beide suchen Halt, nicht Erleuchtung! Sind Sie schon mal, und das nicht nur bei Sonnenschein, barfuss in die Stadt gegangen? In ein und demselben Buch finden sich nicht nur Antworten auf die o.g. Fragen, sondern Sie erfahren Notizen über Einsteins Ringen um die Richtigkeit der Relativitätstheorie oder über das Spiel "Stille Post mit Bildern" oder Sie steigen ein in die Zeitreise zu den alten Griechen. Der Autor bietet für aus meiner Sicht die bisher originellste Einführung in die Welt der Philosophie. Es erwarten Sie keine staubtrockenen Abhandlungen über diverse Denkmodelle. Porträts und Profile von berühmten Köpfen werden nicht litaneimäßig dargeboten. In diesem Buch ist alles anders. Jens Soentgen zeigt an wirklich alltäglichen Beispielen und lebendig geschriebenen historischen Versatzstücken, wie große Namen, kleine Lichter, Nobodys, Anfänger und Neugierige ins Denken kommen können. Hier kommt ein gefährliches Buch auf Sie uns, weil es Ihnen zeigt, wie Sie zum ausgesprochen mündigen Bürger werden. Das sind Vitalstoffe für unsere angeschlagene Gesellschaft. Außerdem beste Medizin, um sich gegen die Kulterreger wie "Bohlen" , "Becker" , "Naddel & Co." zu immunisieren.
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20. Dezemberpäckchen, Edition See-Igel, AudioCD in Jewel Box, Dauer 55 Minuten, ISBN 3-935261-08-X, Euro 12,90, für Menschen ab 6 Jahre
Auf der CD ist rechts unten in kleinen Buchstaben von der inhaltlichen Besonderheit dieser Produktion zu lesen: Klassische Musik und Sprache erzählen. Ute Kleeberg, die Inhaberin der Edition See-Igel hat vor Jahren diese Audio Idee ins Leben gerufen. Schon seit fast drei Jahrzehnten wird Kindern in Deutschland, eingebettet in Erzählungen, die klassische Musik nahe gebracht. Ute Kleeberg hat diesen Ansatz nicht nur weiterentwickelt, sondern ihn im Grunde revolutioniert. Musik und Erzählung stehen gewöhnlich nebeneinander, um dann geschickt pädagogisch-musikdidaktisch kombiniert zu werden. Sie geht einen Schritt weiter, weil sie eigene und fremde Erzählungen mit großen, kleinen und teilweise völlig unbekannten und noch nie eingespielten Werken der jungen und alten Musikgeschichte choreografisch in Beziehung setzt. Somit werden wir Ohrenzeugen von herausragenden Inszenierungen. Auch in Dezemberpäckchen finden somit die drei Geschichten ("Herr Müller Nikolaus" , "Dezemberpäckchen" frei nach dem Märchen Der Wundervogel erzählt und Andersens "Zwölf mit der Post" ) einen kreativen und stimulierenden Partner in der klassischen Musik. Die Werke von Händel, Bizet und Granados für zwei Violinen, Violoncello, Kontrabass und Klavier sind meisterhaft eingespielt und verweben sich eigentümlich mit den märchenhaften Geschichten, die von Friederike Wagner und Christian Brückner erzählt werden. Auch nach der 15. Produktion aus dem Hause See-Igel handelt es sich immer noch um einen Geheimtipp.
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21. Antonie Schneider, Jozef Wilkon, Die Amsel und der Papagei, Bohem press, gebunden im Grossformat, 32 Seiten durchgehend farbig illustriert mit beiliegendem Poster, ISBN 3-85581-417-1, Euro 15,80, für Menschen ab 4 Jahre
Gleich die erste Bildseite verdeutlicht, warum der aus Polen stammende Jozef Wilkon zu den international erfolgreichsten Bilderbuchillustratoren gehört. Genau in der Bildmitte sehen wir eine graue Amsel. Sie sitzt in ihrem Nest. Die mangelnde Farbe ihres Federkleides drückt auch ihre seelische Verfassung aus. Sie fühlt sich bedrückt, weil aus ihrem Hals nur ein Krächzen kommt. Keiner nimmt richtig von ihr Notiz. Eine Amsel als "graue Maus" ! Mit wenig Farbe in sparsamer, transparenter Aquarelltechnik und reduzierter Beanspruchung der verfügbaren plakativen Fläche lässt Wilkon nun einen Papageien auftreten. Es treffen nun zufällig ein üppiges Federkleid und das eben zitierte graue Kostüm aufeinander. Aus dieser Spannung wächst die Geschichte. Unsere Amsel entwickelt Sehnsucht nach ein paar bunten Federn. Der Papagei zeigt sich generös. Und lädt die Amsel auf einen Ausflug zum roten Mohnblumenfeld ein. Spätestens hier bewahrheitet sich Martin Buber: Alles wirkliche Leben ist Begegnung. Diese kleine, spontane Reise löst innere Blockaden. Die Amsel fängt an zu singen und entdeckt eine neue Stimmung in ihrem Leben. Aufmerksamkeit und Berührung verändern das Leben. Dem Papageien wurde gar nicht richtig bewusst, dass er hier die Rolle des Geburtshelfers übernommen hatte. Wie wenig ist in Worten und Bildern nötig, um einen substanziellen Veränderungsprozess zu verdeutlichen. Ein leises Bilderbuch mit staunenswertem Nachklang, meisterhaft gemalt.
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22. Dik Linthout, Frau Antje und Herr Mustermann, Niederlande für Deutsche, Chr. Links Verlag, 15,90 Euro, ab 16 Jahre
Wir in Nordrhein-Westfalen haben die längste Grenze mit unseren holländischen Nachbarn. Was wissen wir wirklich über sie? Wer dieses Buch von Dik Linthout liest, wird sich verwundert die Augen reiben und feststellen, das wir bisher weitgehend ahnungslos in dieser Nachbarschaft lebten. Die Niederländer haben zwar kaum Gardinen vor ihren Fenstern, dennoch streift der Autor die "unsichtbaren" zur Seite. Selbstkritisch, kenntnisreich, amüsant mit sprachlicher Lust fürs Detail ausgestattet, zeichnet Linthout ein kurzweiliges und gehaltvolles Bild seines Volkes. Er nimmt die jeweiligen Vorurteile freimütig aufs Korn, scheut nicht den Blick ins Derbe - Niederländer schimpfen genital und geschlechtsbezogen, Deutsche eher anal und geschlechtsgerichtet - geht unterhaltsam auf die Erkundung beider Sprachen und ihrer Gemeinsamkeiten ein oder er unterweist uns im "NL-Hausarzt-Prinzip" oder fügt einen Exkurs über das Duzen und Siezen ein. Dieses Buch muß nicht von vorn bis hinten gelesen werden. Mittendrin können sie anfangen und erstaunliche Entdeckungen machen. Der niederländische Deutschlehrer Linthout putzt den blinden Spiegel zwischen den Nachbarvölkern und sorgt für manche Überraschung.
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23. Nicolas Allan, Wohin will Willi?, ein Bilderbuch im Lappan Verlag, 32 Seiten gebunden im Querformat, ISBN 3-8303-1101-X, Preis 12,95 Euro, für Menschen ab 5 Jahre
Seit etwa einem Vierteljahrhundert werden auf dem deutschsprachigen Markt so genannte Aufklärungsbilderbücher publiziert. Vielfach wirken sie bemüht, weil sie meistens biologisch korrekt informieren wollen und dabei die unterhaltenden Elemente zu kurz kommen. Dieses Bilderbuch geht mit der "Geschichte einer kleinen Samenzelle" glücklicherweise einen anderen Weg. Dabei wird auch nur der Anflug von Peinlichkeit vermieden und der augenzwinkernde Charme kommt überbordend zum Zuge. Willi, wohnhaft bei Herrn Braun, hat ca. 300 Mill. Konkurrenten, wenn es darum geht, im Wettschwimmen das Ziel-Ei der Frau Braun zu erreichen. Kraulen ist seine Spezialität, zumal mit modischer, aerodynamischer Taucherbrille. In einem Augenwimpernfinale siegt er vor Bernd und ist daran beteiligt, dass im Bauch von Frau Braun nun Edna heranwächst. Sie kommt zur Welt, beflügelt und begeistert die Familie, kann ähnlich schlecht rechnen wie seinerzeit Willi, aber& und mehr wird nicht verraten, weil das eine der Humorzellen des Buches ist. Ein Bilderbuch, das biologische, gynäkologische, urologische, geografische, labordiagnostische, genetische und sportliche und sonstige Anschauungen miteinander verbindet und die Familien mit Nachwuchs prächtig erheitern kann. Das Abenteuer von Willi führt die Generationen mühelos und psychohygienisch zusammen.
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24. Bart Moeyaert, Olek schoss einen Bären, mit Illustrationen von Wolf Erlbruch, erschienen im Peter Hammer Verlag, großformatiges Bilderbuch mit 32 Seiten, ISBN 3-7795-0050-7, Preis 16,90 Euro
Die inspirierende Vorlage entnimmt der Autor dem alten russischen Volksmärchen 'Feuervogel' , dass Igor Strawinsky mit seiner gleichnamigen Komposition weltbekannt machte. Der junge Olek erlegt einen Bären. Zu Höherem berufen, entlassen ihn die Eltern zur Wanderschaft ins Leben. Die Prüfungen lassen nicht auf sich warten. Doch mit seinem Vorsatz "Ich tue was ich kann." bleibt ihm auch die Demut nicht fremd, wenn er einem kleinen Jungen beim Binden der Schnürsenkel hilft. Deshalb schenkt ihm der Feuervogel die Feder, Synonym für Mut, Vertrauen etc. Siegessicher stellt sich nun kein Geringerer als der Teufel, das leibhaftige Böse, Olek in den Weg und trennt zudem zwölf Mädchen von ihrem Lebensglück. Geistesgegenwärtig rückt Olek die rote Feder in die Nähe seines Herzens. So schaut er dem Teufel, und damit der eigenen Angst, ins Auge. Daraufhin löst der Feuervogel sein Versprechen ein und liquidiert die boshafte Macht. Und weil der Kuss eines befreiten Mädchens für Olek nur mit dem Erlegen eines Bären vergleichbar ist, hat Moeyaert zugleich einen packenden, zeitlosen Initiationsstoff für Männer gewebt. Was Strawinsky mit seiner Musik inszenierte, gelingt Erlbruch mit farbiger Collage und minimalem Einsatz des Kohlestiftes. Spielerische, dynamische Zeichnungen schöpfen mit geringem Strich einen Reichtum an Gestik, Mimik, Perspektive und liefern uns zahllose Varianten des Schauens. Andere halten Augenblicke fest oder gefrieren sie, bei Erlbruch bleiben sie in Bewegung, eine seltene Meisterschaft. Zu Recht wurde ihm deshalb in diesem Jahr die welthöchste Auszeichnung in der Bilderbuchkunst, die Hans Christian Andersen Medaille, zugesprochen. Er ist der vierte deutsche Preisträger nach Kästner, Krüss und Ensikat, herzlichen Glückwunsch!
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25. Sepp Bauer / Else Wenz-Vietor, Die Christrose, Ein Weihnachtsmärchen, erschienen im Lappan Verlag, gebunden in Halbleinen mit 32 farbigen Seiten, ISBN 3-8303-1113-3, Preis Euro 9,95, für Menschen ab 4 Jahre
Vor 86 Jahren erblickte dieses Bilderbuch das Licht der Welt. Und seit den 1950er Jahren war es nicht mehr zu erwerben. Nun ist dieser Schatz gehoben und neu poliert worden. Der Autor Sepp Bauer greift auf das Märchen als nimmermüde literarische Gattung zurück. Fritz und Gretl, die Kinder des armen Holzfällers und seiner Frau, empfangen den Nikolaus. In die Freude über den Besuch mischt sich auch Herzeleid, weil der Vater schwer krank ist. Somit droht ein besonders trauriges Weihnachten. Deshalb bitten sie den Nikolaus um Hilfe. Er weiß von den wunderheilenden Kräften einer Blume, die allerdings im Gewahrsam des König Winter ist. Und der Weg dorthin ist kaum zu realisieren, schon gar nicht für Kinder. Doch das Mitgefühl für den schwerkranken Vater lässt Fritz und Gretl aufbrechen. Nun begleiten wir sie auf ihrer abenteuerlichen Reise, einer grandiosen Mischung aus Häwelmann, Nils Holgerson und Peterchens Mondfahrt, bis zum König Winter. Die Winterblume ist der Lohn für diesen mutigen Weg. Der Segen des Christkindes, das die beiden Kinder wohlbehalten und glückselig zur Erde bringt, verwandelt die Blume zur Christrose, die den Vater gesund macht. Ein klassischer Stoff, ähnlich anrührend, zeitlos und unverbraucht kraftvoll wie die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium. Die postkartengroßen Bilder von Wenz-Vietor stellen künstlerisch und historisch eine Rarität dar. Ein Buch für die ganze Familie, das warme Kindheitserinnerungen in uns wachruft.
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26. Uli Stein, Mein Tagebuch, Lappan Verlag, 256 Seiten gebunden mit unzähligen farbigen und s/w Cartoons, ISBN 978-3-8303-3136-0, Preis 19,95 Euro
Seit etwa einem Vierteljahrhundert begegnen uns seine Knollennasen, Pinguine, Mäuse und Katzen. Die Bücher mit seinem gezeichneten Humor sind schon fast legendär, weil er die Schmunzelstrukturen ganz unterschiedlicher Menschen anrührt. Gepaart mit und aufgrund seiner scharfsinnigen Beobachtungsgabe hält er uns den banalen Alltag treffsicher und schillernd vor Augen. Jeder erkennt ein Stück seiner Wirklichkeit. Humor kommt in Gang, wenn der Mensch innerlich wieder in Bewegung gerät. Mit seinem neuesten Werk bleibt er seiner Begabung treu und stellt seine schier unerschöpfliche Bilder- und Textlust unter Beweis. Für die 365 Tage eines Jahres, beginnend mit dem 1. April, soviel Schalk muss sein, hat er ein Feuerwerk an Einfällen, Ideen, Verrücktheiten zusammengetragen. Das ist exquisite Unterhaltung und Kurzweil, wenn er z.B. dichtet: "Lieblingsmärchen der Politiker: Diätentischlein deck dich, Bürger streck dich, Steuerknüppel aus dem Sack!"
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27. Joseph Lemosolai Lekuton, Facing the Lion, erschienen im Peter Hammer Verlag, 132 Seiten gebunden, ISBN 978-3-7795-0081-0, Preis 12 Euro, für Menschen ab 12 Jahre
Kinder der Massai in Ostafrika lernen alles Wichtige fürs Leben in der eigenen Nomadensippe. Der normale Schulbesuch ist ihnen fremd, schon gar vor einem halben Jahrhundert. Für Joseph wird eine Ausnahme gemacht, weil die Familie einen zusätzlichen Hunger nach Erkenntnis entdeckt. Das kostet zahlreiche Rinder, um das Schulgeld aufbringen zu können. Doch Joseph erfüllt das Vertrauen, dass die Familie in ihn setzt, dass er letztlich auch immer wieder in sich selbst entdeckt. Ob er nun mit anderen jungen Kriegern in den Ferien nachts einem leibhaftigen Löwen gegenüber steht, das Initiationsritual der Beschneidung mutig durchschreitet. Oder dem Präsidenten von Kenia kühn die siegentscheidenden Tore in der zweiten Halbzeit eines wichtigen Fußballturniers verspricht und damit dem deutschen ? Sommermärchen? um Jahrzehnte voraus ist. Schließlich wächst er durch das Universitätsstudium in den USA immer mehr in die sogenannte westliche Welt hinein. Auch die intellektuelle Nahrung nutzt er konsequent zur Formung eines geradezu charismatischen Charakters. Im Herzen bleibt er weiterhin ein Massai, der regelmäßig seine Heimat besucht, seine Herkunft nicht leugnet und zu einem faszinierenden und überzeugenden Grenzgänger zwischen zwei Welten wird, die gegensätzlicher nicht sein können.. Ein junger Afrikaner legt einen Teil seiner Seele frei, erzählt schnörkellos und humorvoll und schenkt uns damit etwas unerhört Kostbares. Ein ganz anderes Abenteuerbuch, die Lektüre für Jungen schlechthin.
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28. Josef Guggenmos, Groß ist die Welt, Die schönsten Gedichte, Bilder von Sabine Friedrichson, Beltz & Gelberg Verlag, 208 Seiten gebunden mit Schutzumschlag, Leseband und über 150 farbige Bilder und Vignetten, ISBN 978-3-407-79913-5, Preis 24,90 Euro
Sie kennen Josef Guggenmos noch nicht? Dann wird es aber höchste Zeit. Eigentlich sollte es in jeder 2. Grundschulklasse in Deutschland eine Pflichtepoche mit seinen Gedichten geben. Die Kinder wären begeistert. In ihnen würde Sprach- und Fabulierlust geweckt. Mehr noch: Weil Josef Guggenmos Sprache komponiert, weil er spürsicher aus Wörtern Sätze formt und gestaltet, ist er ein Künstler par excellence. Hans-Joachim Gelberg, der auch dieses Buch-Projekt initiierte, hat den Autor und seine geniale Einfachheit fast vier Jahrzehnte edierend begleitet. Nahezu 300 Gedichte werden uns in dieser bibliophilen Kostbarkeit angeboten. Grandiose Vierzeiler wie dieser: „DER WAL Wer kann sich mit ihm messen? Wer? Wie tausend Männer schwer ist er.“ Die Bilder von Sabine Friedrichson sind mehr als eine Illustration. Sie setzt nicht nur ins Bild. Bisweilen malt sie das Unaussprechliche, jenes Verborgene zwischen den Zeilen. Manchmal malt sie weiter, wo der Vers schon am Ende ist. Seesterne, Käfer, Muscheln werden unter ihrer Feder lebendig. Wollen sie sich selbst und ihren Kindern etwas Gutes tun, dann kaufen sie dieses Buch. Ein Vademecum für kleine und große Seelen.
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29. Antje Damm, FRAG MICH, Moritz Verlag, 222 gebunden mit durchgehend vierfarbigen Abbildungen, ISBN 978-3-89565-141-0, Preis 16,80 Euro, ab 4 Jahre
Durch Fragen entdecken wir die Welt, vor allem die Kinder. Wir Erwachsenen hingegen erschöpfen uns gern in klugen Antworten. Doch auch dem Lernen über ‚Versuch und Irrtum’ liegt die Folie der Frage zugrunde. Das Buch von Antje Damm verpflichtet sich konsequent den Fragen. Man spürt, dass die Autorin, die auch überwiegend die Illustratorin ist, mit kleinen Kindern zusammenlebt und deren Alltag wie einen trockenen Schwamm aufsaugt. Die Fragen erinnern mich auch an das Buch „Weltwissen für Siebenjährige“, denn mit einigen von ihnen können sich die Kinder selbst dieses Wissen als leibhaftige Erfahrung erobern. Und es gibt Fragen wie: ‚Weißt du, wie deine Eltern ausgesehen haben, als sie klein waren?’, wo sich über dem Fotoalbum vergnügliche Abende entwickeln können. Die Frage: ‚Was machst du, wenn du Langeweile hast? enthält sowohl alltagspraktische, existenzielle, wie auch philosophische Dimensionen. Das Buch zeigt auch von Kindern gemalte Bilder und reale Fotos, wie jenes, wo gefragt wird: ‚Siehst du manchmal Tiere am Himmel?’ Das Buch ist eine Fundgrube für mühelose Begegnungen zwischen den Generationen und weitaus mehr als ein Ersatz für schlechte Fernsehprogramme.
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30. Pernilla Stalfelt, UND WAS KOMMT DANN ?, Moritz Verlag, 28 Seiten gebunden mit durchgehend vierfarbigen Bildern, ISBN 978-3-89565-110-6, Preis 11,80 Euro, ab 6 Jahre
In den letzten 15 Jahren sind manche Kinderbücher über den Tod erschienen. Allesamt sind es wohltuende Tabu-Brecher, die freimütig, poetisch und einfühlsam über die Umstände rund um das Ende des menschlichen Lebens erzählen. Die schwedische Autorin und Illustratorin Pernilla Stalfelt geht noch einen Schritt weiter, indem sie mit comic ähnlichen Versatzstücken arbeitet, Vergleiche und Bilder mit der Natur nicht scheut und sogar machtvoll Vorstellungen darüber anbietet, was eventuell nach dem Tod passiert. Irgendwo behandelt sie das irdische, menschliche Finale als ein Stück Durchgangsstation. Sie erzählt nicht nur vom normalen biologischen Tod im hohen Alter, sondern auch vom zu frühen oder zu schnellen Tod. Auch Monster- und Spukvorstellungen aus der Angst vor dem Tod geboren, klammert sie nicht aus. Da sie auch Raum gibt für die Möglichkeiten von verschiedenen Wiedergeburten, öffnet sie gleichsam Türen zu anderen Religionen und Welt-anschauungen. Das Buch will einladen, sich dem Ereignis des Todes, der damit verbundenen Rituale und Traditionen möglichst unbefangen zu nähern. Und der Stil von Darbietung und Präsentation nährt sich geradezu von österlicher, unbeschwerter Freude. Ein Glücksfall wirklich guter Kinderliteratur, lebendig und offen.
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31. Jürg Schubiger, Franz Hohler mit Geschichten und Bildern von Jutta Bauer, Aller Anfang, erschienen im Beltz & Gelberg Verlag, gebunden in Halbleinen auf 126 Seiten mit vielen farbigen Bildern, ISBN 978-3-40779914-2, Euro 16,90, für alle, die noch Staunen können
Bisweilen kommen Meisterwerke schon dann zustande, wenn Künstler von Format und gutem Ruf daran beteiligt sind. Harrgenau das trifft auf dieses Buch zu. Seit Jahren liefern die beiden Schweizer Autoren unabhängig voneinander famose, bewegliche, verrückte, poetische, nachdenkliche und eben auch witzige Geschichten über den Menschen und seinen Kosmos, in dem er sich mal schöpferisch oder zerstörerisch aufhält. Leichtfüßige Sprachspiele geben der Phantasie viel Raum und machen glücklicherweise auch nicht vor dem Nonsens Halt. Hier eine Kostprobe, wie einfach die Deutung des Lebens sein kann. Frisch aus der Geschichte „Quatsch“: „Der Stuhl war ein Vierbeiner, der stillsteht, der Hund ein Vierbeiner, der nicht stillsteht. So ungefähr.“ Derartige Wahrheiten entwaffnen uns und bringen uns ins Staunen. Das ist gewaltfrei und deshalb gesund. Die Bilder von Jutta Bauer begegnen den Autoren unbedingt auf Augenhöhe. Sie ist nicht nur eine vortreffliche Zeichnerin, sondern ihr Blick für das Kompositorische einer Seite oder Doppelseite ist beglückend. Zur Geschichte „Turnschuhe“ zeichnet bzw. klinkt sie am unteren durchgehenden Steg eine Landkarte ein, positioniert links eine prachtvolle Rosskastanie und rechts ein Ross, ein Pferd, dass nach klaren Zielen Ausschau hält. Sie stößt Bilder an, die sich in uns weiter entfalten können. Wie würden wir die Seelen unserer Grundschulkinder bereichern, wenn sie in den Genuss solcher Bücher kämen? Wären Politik und Wirtschaft wirklich daran interessiert, dann sähen die Budgets unserer pädagogischen Institutionen anders aus.
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32. Antje Damm, Ist 7 viel?, Moritz Verlag, 94 Seiten gebunden mit durchgehend vierfarbigen Abbildungen, ISBN 3-89565-147-8, Euro 14,80, für Menschen ab 4 Jahre
Auf der Rückseite wird die Autorin, aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen mit Kindern, wie folgt zitiert: „Kinder sind Philosophen wenn man sie lässt“. Na, das haben wir den Kindern ziemlich weitgehend ausgetrieben. Wenn es bis zur Einschulung nicht gelang, dann schafft es in jedem Fall unser Schulsystem. Kinder werden selten motiviert Fragen zu stellen. Vielmehr erhalten sie unser Lob, wenn sie die vorgedachten Antworten der Erwachsenen nachplappern. In diesem Buch ist alles anders! Links taucht auf S. 64 auf einem Foto ein verschneiter Tannenwald auf. Und rechts hat die Autorin und Malerin Bäume in einer Mondnacht gemalt mit der Frage: Schlafen Bäume? Nicht immer werden die Fotos mit Zeichnungen gekontert. Auf S. 40/41 ist z.B. ein Mädchen bei Schneefall mit einem Hund zu sehen. Rechts und links gleichen sich, nur ist alles seitenverkehrt. Und hier lautet die kluge Frage: Gibt es jeden nur 1-mal? Die Fragen berühren den banalen Alltag, streifen politische Wirklichkeiten, berühren Metaphysisches und formulieren Herausforderndes, das Kinder zu allen Zeiten ausdrückten: Warum gibt es Krieg? Wie ist das, wenn man tot ist? - Woher kommen die Gedanken? - Was ist Glück?
Diese Fragen sind immer brennend aktuell! Eigentlich müssten wir Erwachsenen unseren Schulanfängern dieses Buch in die große Tüte packen, als kleinen Ersatz für zu viele Süßigkeiten. Das schont die Zähne und lässt die Seele wachsen.
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33. Thé Tjong-King, Die Torte ist weg!, erschienen im Moritz Verlag, gebundenes großformatiges Bilderbuch mit 26 Seiten, ISBN 3-89565-173-7, Preis 12,80 Euro für Menschen ab 4 Jahre
Ein Bilderbuch ohne Text. Der Leser muss sich selbst einen Reim machen. Geboten wird ihm eine total spannende Verfolgungsjagd und zwar auf mehreren Ebenen mit unterschiedlich handelnden Figuren. Auf der erste Seiten tauchen noch nicht alle Akteure auf, aber doch jene frechen Mäuse, die dem Hundeehepaar die fantastische Torte für den Nachmittagskaffee klauen.
Außerdem fliegt noch ein Fußball durch die Luft, eine Entenmutter hat nicht alle Kinder beisammen, ein Chamäleon pflückt für irgendjemand oder auch nicht Blumen, eine Schlange verschwindet im Gebüsch, ein Storch behält den wichtigen Überblick etc. Ach, es sind noch mehr Akteure unterwegs, die erst auf den folgenden Seiten in Szene treten, sozusagen auf vier verschiedenen Wegen, die sich immer wieder kreuzen. All die Tiere verfolgen offene oder versteckte Ziele, kommen sich ins Gehege oder nehmen Reißaus. In diesem Buch stecken unendliche viele Geschichten, die auch sprach- und denkmüde Kinder auf Trab bringen. Die Bilder rufen und verlangen geradezu nach sprachlichem Ausdruck. Erst dann werden sie ein Stück entwirrt und verstehbar. Das Finale ist gerettet, weil die Torte wieder auftaucht und unsere Herrschaften den süßen Zahn nicht verbergen können. Dem holländischen Maler Thé Tjong-King ist ein Meisterstück gelungen, für das er zu Recht bereits zahlreiche Auszeichnungen bekommen hat.
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34. Maren Gottschalk, Jenseits von Bullerbü, Die Lebensgeschichte der Astrid Lindgren, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg, 212 Seiten gebunden mit Schutzumschlag und 9 s/w Fotos, ISBN 978-3-407-80970-4, Preis 16,90 Euro, für Menschen ab 14 Jahre
Entwicklungsgeschichten ungewöhnlicher Menschen können Deutungshilfe für das eigene Leben sein. Wie wurde Astrid Lindgren, die in 2007 ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte, zur berühmtesten Kinderbuchautorin der Welt? Zunächst erlebt sie eine äußerst naturnahe und liebevolle Kindheit auf dem Lande. Tief eingebunden in eine herzensfrohe Familie, die diesem Mädchen sogar eine weiterführende Schule ermöglicht. Doch bald danach beginnen die Brüche in ihrem Leben, die sie rasch innerlich reifen und wachsen lassen. Mit 19 wird sie schwanger und verlässt die Geborgenheit der Herkunftsfamilie. Erst Jahre später nimmt sie den unehelichen Sohn Lars unter Entbehrungen zu sich nach Stockholm. Die Tochter Karin geht aus einer regulären Ehe hervor. Ihr Sohn lebt nun mit dem Stiefvater unter einem Dach. Die Kinderbuchautorin wird geboren, als sie ihrer kranken Tochter 1944 phantasievolle Geschichten einer gewissen Pippi Langstrumpf erzählt. Erst später schreibt sie diese Bettgeschichten auf und gewinnt damit nach einigen Anläufen den Schreibwettbewerb eines Verlages. Früh stirbt ihr Mann an der Alkoholkrankheit. Jahre später ihre Eltern und ihr Bruder. Auch ihr Sohn Lars wird weit vor ihrem Tod ein Opfer des Alkohols. Diese schmerzvollen Erfahrungen aber auch die tiefe Empathie mit dem Leid in der Welt verarbeitet sie in ihrer großartigen, freimütigen Literatur für die Kinder und überhaupt alle Menschen, die innerlich jung geblieben sind. Sie traut vor allem den Kindern zu, aus dem erlittenen Schmerz zu lernen und daran zu wachsen. Dass dieser Atem von Freiheit, Widerstand, Zumutung und Liebe in der Schilderung dieser Lebensgeschichte nachvollziehbar wird, verdanken wir der Autorin Maren Gottschalk, die es schafft, uns einzigartig mitfühlend in die Persönlichkeitsmitte dieser Erzählerin zu führen. Wir werden in einer lebendig geschriebenen Biografie mit einem Menschen bekannt gemacht, der medienfern und herzensnah uns große geistvolle und geradezu zeitlose Schätze für die Kinder hinterlassen hat.
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35. Anton G. Leitner ( Hrsg. ), Mutters Hände Vaters Herz, Familiengedichte aus 2.500 Jahren, erschienen im Verlag edition chrismon, 160 Seiten gebunden in Leinen, ISBN 978-3-938704-36-3, Preis 18 Euro
Gedichte zur Situation, zum Netzwerk, zum Schicksal der Familie existieren schon seit jeher, solange wie sie in unserer Kultur präsent ist. Der Reiz dieser Sammlung liegt in der Spannbreite von über 2.500 Jahren. Und darin, welche Gedichte sich zueinander gesellen. Da stehen nun die Zeilen von Durs Grünbein neben Theodor Storm oder jene von Clemens Brentano neben Gioconda Belli oder Eduard Mörike neben Charles Bukowski. Das ist die Aufgabe und die gelungene Tat des Herausgebers Anton G. Leitner, dem führenden deutschen Promoter von Lyrik. Einige Autoren sind auch mit Erstveröffentlichung in diesem Band vertreten. Mag die Familie soziopolitisch arg unter Druck sein oder immer mehr von der kulturellen Bildfläche verschwinden; hier in diesem Buch feiert sie fröhliche Urständ. Offenbar ist ihr Potenzial nicht ausgeschöpft, vielleicht eher unterschätzt? Diese Anthologie ist überraschend, ungewöhnlich, fein ediert und in handwerklicher Sorgfalt gestaltet. Für die unter-schiedlichsten Anlässe im Familienkreis könnte sie ein vortreffliches Geschenk sein, wenn sie den Mut haben, Lyrik zu verschenken. Das Echo wird sie beglücken, denn für jeden Geschmack halten die DichterInnen etwas bereit. Dafür hat Anton G. Leitner vortrefflich gesorgt.
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36. Joshua Doder, Ein Hund namens Grk, aus dem Englischen von Franziska Gehm, erschienen bei Beltz & Gelberg, 282 Seiten gebunden mit Vignetten von Daniel Napp, ISBN 978-3-407-79930-2 Preis 12,90 Euro, für Menschen ab 10 Jahre
Herren- bzw. damenlose Hunde gibt es überall. Auch in London. Nicht der Rede wert, dass sie das Herz eines geschwisterlosen Jungen rühren können. Fast normal, dass Tim die Aufnahme des Tieres verweigert wird. Doch wohin mit diesem Hund Grk, mit einem Namen, wo fast die Zunge bricht? Das Halsband weist den Weg zur Besitzerin. Es ist die Tochter des Botschafters von Stanislavien ( liegt gleich neben Molwanien, sie wissen schon…), der allerdings mit seiner Familie fluchtartig London verlassen musste. Obendrein unsanft und unter Zwang, weil in Stanislavien der Oberst Zinfandel die demokratische Regierung wegputschte. Tim’s Eltern bestehen darauf, dass Grk in ein Londoner Tierheim gehört. Doch der Junge sieht das völlig anders. Tim fühlt sich ein in das Herz der Botschaftstochter Natatscha und jenes von Grk und beschließt auf eigene Faust mit dem Flieger nach Stanislavien zu reisen. Er agiert wie weiland James Bond in seiner Grundschulzeit. Dabei hat er nur ein Ziel: Natascha wartet auf Grk und umgekehrt. Diese Sehnsucht bestimmt sein wagemutiges und turbulentes Handeln, das nicht immer realitätsgetreu ist. Auch Gewalt spielt eine Rolle. Sie ist irgendwie ein Teil der Fantasie, die wiederum das Tempo der Geschichte bestimmt.
Auch heute sind Diktaturen wie in Stanislavien als politische Realität in der Welt dutzendfach anzutreffen und von Amnesty beklagt. In diesem Kinderbuch wird die raue Wirklichkeit weder bewertet, bejammert noch verharmlost, sondern sie dient Tim als Spielball zum Handeln. Letztlich ist es Tim’s Herz mit der sympathischen Leichtsinnigkeit, das dieser Geschichte ihren unverwechselbaren Reiz verleiht. Das Motiv der Sehnsucht gepaart mit Tim’s Unbekümmertheit können nicht nur Gefängnismauern sprengen, sondern auch Lesemüdigkeit verjagen.
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37. Barbara Gelberg ( Hrsg. ), Von Drachen und Mäusen Die schönsten Vorlesegeschichten mit Bildern von Axel Scheffler, erschienen bei Beltz & Gelberg, 240 Seiten gebunden mit über 150 durchgehend vierfarbigen Bildern, ISBN 978-3-407-79937-1 Preis 14,90 Euro, für Menschen, ab 5 Jahre
Große AutorInnen haben in dieser Anthologie ihre kinderliterarischen Spuren hinterlassen: Martin Auer, Kirstin Boie, Michael Ende, Josef Guggenmos, Klaus Kordon, Christine Nöstlinger, Rafik Schami, Frederik Vahle, um nur einige zu nennen. Sie steuerten Geschichten bei, die vielleicht fünf bis maximal fünfzehn Minuten Lesezeit beanspruchen und in der ganzen Familie Freude verbreiten, für Spannung und Unterhaltung sorgen, Neugier entfachen und fliegende Abenteuerteppiche entrollen. Das Vorlesen ist ein wesentlicher Beitrag zum Erwerb der allgemeinen Lesekompetenz. Gleichzeitig werden durch diese besondere Art der familiären Kommunikation die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern gestärkt und insgesamt lebendiger. In den Erzählungen tauchen genau jene Typen und Charaktere auf, die Kinder zutiefst ansprechen und bewegen. Also reichlich Verrückte und Skurile, die uns alle ins Staunen bringen. Die großzügige Bildausstattung von Axel Scheffler, einem der beliebtesten Illustratoren weltweit, verleihen dem Buch einen unaufdringlichen Charme. Kinder werden dieses Buch rasch ins Herz schließen!
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38. Nils Husmann (Hrsg.), You’ll Never Walk Alone, erschienen in der edition chrismon im Hanseatischen Druck- und Verlagshaus, 32 Seiten gebunden mit durchgehend farbigen Illustrationen von Kitty Kahane und einer Musik CD, ISBN 978-3-938704-60-8 Preis 16 Euro
Die EM 2008 ist gelaufen. Der Fußball rollt für eine Weile nicht mehr. Sie sind glücklich oder traurig, je nachdem wie weit ihre Kickerlieblinge im Turnier vorgedrungen sind. Aber egal, ob Trost oder Jubel angesagt sind: Dieses Buch erreicht mit seiner Botschaft im wahrsten Sinne des Wortes alle Gemütslagen des Fans. Vor weit über 60 Jahren entdeckte dieses Lied das Licht der Welt am Broadway.
Anfang der 60er Jahre erfolgte die Wiedergeburt über die englische Popgruppe „Gerry & the Peacemakers“. Von da an war es nur noch ein Kurzpass in die Anfield Road des FC Liverpool, wo es seitdem Dutzende Male im Jahr zehntausendfach mit Inbrunst gesungen wird. Die Ohrenzeugen werden u.U. den Eindruck nicht los, Gäste eines Ostergottesdienstes zu sein. Ob die Fans in England, beim BVB, dem FC St. Pauli und anderswo ahnen, hier die kühne Mitte christlichen Glaubens zu intonieren? Nichts anderes drückt dieses Lied aus, dessen erste Zeile „Fürchte dich nicht, du bist nicht allein!“ jeden berührt, sei er kirchlich sozialisiert oder nicht. Die neuen Rituale und Liturgien in unseren Stadien verlangen nach massentauglichen Ingredienzen. Dieses Lied hat nach Jahrzehnten nichts von seiner bewegenden Kraft verloren. Auch außerhalb des Stadions ist die Gänsehaut gewiss, wenn sie auf der beigelegten CD den vier ganz besonderen Versionen des Liedes lauschen. Kitty Kahane hat zu den einzelnen Liedversen naiv-verstörende Fansituationen gezeichnet. Und kein Geringerer als Manni Breukmann zeichnet den Weg des Liedes nach und entlässt uns mit gescheiten Gedanken zu den Verbindungen zwischen Fußball, Glauben, Kommerz u.a. nahezu im Sinne der Feststellung des ehemaligen englischen Trainers Bill Shankley: „Manche Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich kann Ihnen versichern, es ist sehr viel wichtiger als das.“
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39. Ilka Sokolowski, Claudia Toll, Ruhrgebiet Mein erster Reiseführer, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg, Broschur 80 Seiten mit durchgehend farbigen Illustrationen, ISBN 978-3-407-75338-0, Preis 9,95 Euro, für Menschen ab 9 Jahre
Reiseführer für Kinder sind rar am Markt vor allem jene, die sich tatsächlich in die wahrnehmenden Sinne von Kindern versetzen. Das vorliegende Konzept ist hilfreich, weil es Schwerpunkte setzt und sich nicht anmaßt, möglichst lückenlos zu informieren. Das Buch ist praktikabel und interaktiv angelegt. Nach einer Reise darf es Eselsohren haben und Gebrauchsspuren zeigen, eigene Aufzeichnungen und Fotos enthalten
und dokumentieren, dass es konkret zum Einsatz kam. Gestartet wird mit einer Checkliste für den Tagesausflug oder mehrtägigen Ferienaufenthalt und daran erinnert, Adressen zu notieren, die eine Ansichtskarte erhalten sollen. Die Übersichtskarte Ruhrgebiet und andere Karten mit den speziellen Sehenswürdigkeiten sind nirgends kopiert, sondern extra für dieses Buch entstanden. Auf den Seiten 14/15 kann markiert werden, welche Höhepunkte in welchen Orten bereits besucht wurden. Schließlich folgen ausgewählten Touren, die den Kindern gerade auch eigenes Tun und Erleben bescheren. Zahlreiche Entdeckungstouren zu besonderen Orten schließen sich an und folgen konsequent dem Prinzip, Reiz- und Infoüberflutung auszusparen. Natürlich gibt es Platz, tatsächlich persönliche Erlebnisse schriftlich festzuhalten, Fotos einzukleben, den Glaselefanten in Hamm selbst aufzumalen etc. Wer übers Ruhrgebiet schreibt, vergisst auch den kleinen Sprachführer in Ruhrdeutsch nicht. Im Kapitel „Land und Leute“ erfahren die Kinder Wesentliches über den König Fußball, der hier residiert, über Vergangenes und Gegenwärtiges, über „Bergmannsfeste und bunte Nächte“ und die basalen Rezepte der Ruhrpott-Küche werden zum Besten gegeben. Spiel- und Bastelanregungen sowie eine Quiz-Doppelseite runden das Buch ab, wenn es gerade regnet, wo doch der Besuch der Aussichtsplattform des Gasometer lockte.
Entstanden ist ein wirklicher Kinder-Reiseführer, der die typische Bildungsbeflissenheit der Erwachsenen vermeidet und den Erlebnishorizont der Zielgruppe ernst nimmt.
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40. Frank Westerman, ARARAT Pilgerreise eines Ungläubigen, aus dem Niederländischen übertragen von Stefan Häring und Verena Kiefer, erschienen im Chr. Links Verlag, Berlin, 286 Seiten gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-86153-487-7, Preis 19,90 Euro
Schon lange bevor der amerikanische Apollo-Astronaut vor Jahrzehnten aus dem Weltraum eine Erscheinung über dem Ararat gesehen haben will, sind abenteuerhungrige Menschen aus aller Welt unterwegs, um dieses armenische Nationalheiligtum in der heutigen Osttürkei nach Resten der biblischen Arche Noah zu erforschen. Darunter eine bemerkenswerte Zahl von Amerikanern, für die der Ararat und seine Umgebung auch geopolitisch und -strategisch eminent wichtig ist, stellt er doch den östlichsten Ausguck der NATO dar. Auch das sumerisch-babylonische, mehr als 5.000 Jahre alte Gilgamesch Epos, ist in dieser Region verwurzelt und hat wohl auch über 1.000 Jahr später die Autoren der biblischen Sintflutgeschichte maßgeblich beeinflusst. Aufgrund seiner gletscherumpanzerter Spitze, ist er nicht nur schwer zugänglich, sondern zudem reichlich mythisch umwölkt. Für den feinsinnigen und neugierigen Niederländer Frank Westerman genau die Herausforderung, um uns wieder eine atemberaubende Reisereportage zu liefern. Fern aller Sensationslüste treibt ihn jahrelanges, tiefes Erkenntnisinteresse und eine basale biografische Motivation. Als vielseitig begabter Zeitgenosse sucht er den Balanceakt zwischen Glaube, Wahrheit, biblisch-historischer Relevanz und naturwissenschaftlicher Aufklärung. Des Autors Forschergeist ist redlich, faszinierend und ich entdecke Stilelemente eines v. Humboldts und Forsters. Sprachlich so dynamisch und stimulierend, sodass er gleich für drei literarische Preise in seiner Heimat nominiert wurde. Westerman entlarvt nicht, sondern voller Respekt und mit schier grenzenloser Fragelust nähert er sich dem religionsgeschichtlichen Mythos und seiner geradezu zeitlosen Wirkung bis in unsere Gegenwart. Seine Wahrnehmungen sind brennend aktuell und er schenkt uns dermaßen Teilhabe, als wären wir Leser seine Reisesekretäre.
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41. Chris Wormell, Georg und der Drache, erschienen im Moritz Verlag, aus dem Englischen von Markus Weber, 32 Seiten gebunden mit durchgehend vierfarbigen Bildern im Großformat, ISBN 978-3-89565-197-7, Preis 12,80 Euro, für Menschen ab 4 Jahre
Menschen mit christlicher Sozialisation denken gleich an die alte Heiligenlegende.
Doch auf den ersten Bilderseiten taucht überhaupt kein gottesfürchtiger Ritter auf. Stattdessen nur ein Drache, der jedem und allem den Garaus macht. Potent, energiegeladen, machtvoll und unbesiegbar kommt er daher. Da bleibt kein Auge trocken! Wer soviel unerschütterliche Stärke zeigt, hat auch eine schwache Stelle. Und da lauert die Überraschung. Eine Maus siedelt ahnungslos in der Nachbarschaft. In einer Umzugspause gönnt sie sich einen Tee. Dumm, wenn der Zucker fehlt. Da fragen sie doch auch den Nachbarn, oder? Dieses Malheur beschert ihr unverhofft ein märchenhaftes Ende. Denn vor Schreck lässt der Drachen auch die geraubte Prinzessin frei, mit der unsere Georg-Maus nun festlich auf das Schloss zurückkehrt. So kann auch unbekümmertes Leben zur Heldentat führen. Die Schwäche des einen ist des anderen Stärke. Chris Wormell, Autor und Illustrator in einer Person, präsentiert uns einen Drachen, der zu Recht diesen Namen trägt. Mit seiner Angst vor Mäusen schreibt und malt er im zweiten Teil der Geschichte nahezu eine Parabel über die Macht der Ohnmächtigen. Von dieser geradezu heiteren Spannung lebt das Bilderbuch, das vor allem Jungen schnell ins Herz schließen werden.
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42. Sabine Jaeger, Hermann Schulz, Schmeckt’s Alles übers Essen, erschienen im Verlag Sauerländer, 138 Seiten mit Klappenbroschur im Großformat mit einem Vorwort von Jean Ziegler und vielen Zeichnungen von Jörg Mühle, ISBN 978-3-7941-7071-5, Preis 12,90, für Menschen ab 10 Jahre
„Essen hält Leib und Seele zusammen“, sagt der Volksmund. Wohltuend weise, denn hier offenbart sich ein Geheimnis unseres Lebens. Gemeinsames Essen ist auch das wesentlichste Element der Gastfreundschaft hier und anderswo und der Feste und Jubiläen überhaupt. Wer bedeutsame Gespräche führen will, sich auf eine wichtige Begegnung freut oder einfach mit anderen Menschen den Alltag teilen will, braucht und sucht das Essen. Die in der Regel 3x tägliche Nahrungsaufnahme rhythmisiert unser Leben, gibt ihm Halt, schafft die Grundlagen für jegliche andere Genüsse und Sinneswahrnehmungen.
Deshalb fragen die beiden Autoren zu Recht in ihrer absolut munteren Lektüre, ob es uns wirklich schmeckt, weil uraltes Menschheitswissen um unsere Ernährung verloren zu gehen scheint. In Zeiten, wo die Tiefkühlketten in den Supermärkten immer länger und die Fast-Food-Häuser zur Skyline unserer Städte und Dörfer werden, ist es dringend notwendig, unseren Kindern eine lebendige Ess- und Lebensmittelkultur nahe zu bringen. Wer über das was er isst und wie er isst nicht Bescheid weiß, wird auf Dauer lebensuntüchtig. Die äußeren Merkmale sind überproportionale Fettleibigkeit und eine massive Unbeweglichkeit im Denken und Fühlen. Nur vitale Nahrung hält lebendig. Hermann Schulz hat Dutzende von Ländern bereist und erzählt z.B. erfrischend von den so herrlich unterschiedlichen Essgewohnheiten. Und Sabine Jaeger weiß als WDR Redakteurin u.a. für die Kindersendung „Lilipuz“ wie junge Menschen auch für anspruchsvolles Wissen motiviert werden können. Die beiden Autoren werfen spannende Fragen auf: „Weshalb ist gesundes Essen gerechteres Essen?“ und beleuchten skandalöse Zusammenhänge, wenn wir Deutschen vom Hähnchen nur das Filetstück verzehren und das sogenannte Hähnchenklein nach Afrika geht und dort die heimischen Lebensmittelmärkte zerstört. Sie plädieren für die flächendeckende Einrichtung von Schulgärten, damit die Kinder begreifen, wie unsere Lebensmittel wachsen, reifen und verzehrfertig werden. Wer dieses Buch liest und beherzigt, das sollten gerade auch Eltern und Lehrer tun, bekommt wieder Appetit auf gesunde, vitale Nahrung, die aus unserer unmittelbaren Umgebung stammt.
Wer an entsprechenden Projekten in der Grundschule interessiert ist, kann
den Kontakt mit der Hagener Ernährungsberaterin Heide Breer-Marks (E-Post: h.breer-marks@gmx.de) suchen, die sich an diesem Punkt spezialisiert hat.
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43. Blake Nelson, Paranoid Park, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg, aus dem Amerikanischen übertragen von Heike Brandt, 180 Seiten mit Klappenbroschur, ISBN 978-3-407-81039-7 Preis, 12,90 Euro, für Menschen ab 15 Jahre
„Sein Gewissen war rein, er benutzte es nie!“, sagte der polnische Satiriker Stanislaw Lec. Wer so denkt, lese hier einfach nicht weiter. Doch die meisten von uns haben hoffentlich irgendetwas an Gewissensbildung erfahren. Schließlich eine der Brutstätten unserer humanitären Grundausstattung. Blake Nelson offeriert uns eine überschaubare Handlung. Ein junger Collegeschüler, dessen Eltern auf dem Weg in die Scheidung sind, ist fasziniert vom Paranoid Park, einem illegalen und unwirtlichen Gelände für wagemutige Skater. Nach vielen Anläufen besucht er ihn ganz allein. Einer spontanen Einladung zu einem besonderen Abenteuer abseits des Parks kann er sich nicht entziehen. Zu groß ist die Neugier. Doch beim Surfen mit dem Güterzug passiert ein tödlicher Unfall. Eine zunächst lustvolle Entscheidung hat ihn in Schuld verstrickt. Allein diese Tatsache peinigt ihn bis in den tiefsten Seelengrund. Er ringt mit seinen moralischen Instanzen, die in Entwicklung begriffen sind. Wie ist mit dieser Schuld zu leben? Soll er sich stellen? Wem und wie? Und verändert das sein Schuldempfinden? Ein Mädchen gewinnt sein Vertrauen insoweit, dass er ihr anonym über seine inneren Zustände und Kämpfe Briefe schreiben darf. Doch am Ende geht das Papier in Flammen auf. Fragen stellt uns das Gewissen, denen wir letztlich nicht ausweichen können. Lesen sie diesen Psychokrimi, aber nicht nach 22.00 Uhr. Es reicht, wenn der Protagonist nachts nicht schlafen kann. Kürzlich lief der preisgekrönte Film zu diesem Buch im Hagener Programmkino „Babylon“. Die haben einen guten Geschmack!
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44. Magdalena Köster, Den letzten Abschied selbst gestalten, erschienen im Chr. Links Verlag, 200 Seiten broschiert, ISBN 978-3-86153-497-6, Preis 14,90 Euro
Pünktlich zum dunklen Monat November mit seinen zahlreichen Totengedenktagen legt die Autorin Magdalena Köster ein helles, dem Leben zugewandtes Buch, vor. Der Untertitel „Alternative Bestattungsformen“ klingt bescheiden, denn mit der Fülle der ganz anderen Erfahrungen, Darstellungen, Informationen und Ermutigungen in diesem Buch wird deutlich, dass wir auch in Sachen Bestattung mit freiheitlichem Geist angesteckt werden. In den vergangenen vielleicht 15 Jahren hat sich in dieser Richtung bereits ein Wandel vollzogen, dem allerdings wenig Öffentlichkeit beschieden ist. Es wächst das Bedürfnis nach individuellen Formen, Ritualen und Begegnungen gegenüber den jahrhundertealten Angeboten seitens der christlichen Kirchen. Die inhaltlichen Entfaltungen sind prozessual angelegt. Wir erfahren aus unterschiedlichen Blickwinkeln was mit dem Verstorbenen unmittelbar vor und nach dem Tod geschieht bzw. dass wir zutiefst eingeladen sind, die intensivste Phase des Abschiednehmens wahrzunehmen. Danach wird die Arbeit der Bestattungsunternehmen heute in ihrer Vielfalt aufgezeigt. Des Weiteren werden Sie bei der Lektüre staunen, genauso wenn es um die Möglichkeiten und Angebote der kirchlichen Rituale geht, der Erörterung über Sarg, Urne und Aschenkapsel etc. Trauerredner kommen zu Wort und die Modelle verschiedener Abschiedsfeiern, gerade auch jenseits der Konfessionen. Wir werden z.B. aufgeklärt über die ökologische Bestattung durch Gefriertrocknen. Dass auf den deutschen Friedhöfen fast im Stillen kleine Revolutionen stattfinden ist ebenso Thema wie die transparente Information über Ruheforst, Friedwald und Trauerpark. Auch zivilen Ungehorsam können sie einüben, um den deutschen Friedhofszwang zu umgehen. Schließlich lädt die Autorin ein, uns bei den Nachbarn umzuschauen, um für den „letzten Weg“ zu lernen. Die Geschichten im Buch schließen uns auf, sind anrührend und absolut erhellend. Und mit einem spannenden Anhang von über 20 Seiten an Adressen und Links demonstriert uns die Autorin eindrucksvoll, dass kein anderes Medium in der Lage ist, dermaßen strukturiert, motivierend und dosierend den fragenden Zeitgenossen in Kenntnis zu setzen. Für mich das mutigste Sachbuch des Jahres!
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45. Beatrice Rodriguez, Der Hühnerdieb, erschienen im Peter Hammer Verlag, 24 Seiten gebunden und ohne Text dafür aber durchgehend farbige Bilder, ISBN 978-3-7795-0202-9, Preis 9.90 Euro, für Menschen ab 4 Jahre
Bilderbücher ohne Text werden immer beliebter. Schließlich schlummern so viele Texte und fantasievolle Geschichten in uns. Außerdem kann man es sowieso nicht allen mit den gedruckten Geschichten recht machen. Jeder interpretiert und deutet anders. Auf dem ersten Bild lockt uns die Idylle einer Sommerfrische. Der Bär tritt vor das Haus, der Hase öffnet die Rollladen des Fensters öffnet, derweil scharren die Hühner nach wer weiß Gott was. Als Bär und Hase in Ruhe draußen frühstücken, ereignet sich das Unfassbare: Die Morgenstunde hat Raub im Munde. Der Fuchs schnappt sich das weiße Huhn und eilt davon. Wieder eine Verfolgungsjagd in einem textlosen Bilderbuch? Ja und Nein. Über zwei Tage und Nächte, über Berg und Tal, über Wasser und zu Lande setzen Bär, Hase und Hahn dem Hühnerdieb nach. Offenbar haben sie keine Chance, denn der Abstand zwischen dem Räuber und den Gendarmen verändert sich nie. Sie pausieren und schlafen zur gleichen Zeit. Eine merkwürdige Szenerie. Schauen wir genauer hin, beschleicht uns ein Gedanke, der sich zum Schluss zur Gewissheit manifestiert. Es ist Liebe auf der Flucht. Oder die geklaute Braut, wer weiß. Dagegen sind Bären und Compagneros machtlos. Köstlich, luftig, leicht aufs Papier gehaucht!
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46. Cem Özdemir, Die Türkei Politik, Religion, Kultur, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg, 256 Seiten im Flexcovereinband mit zahlreichen Fotos, ISBN 978-3-407-75343-4, Preis 16,90, für Menschen ab 14 Jahre
Die Türkei war Gastland auf der gerade zu Ende gegangenen Buchmesse in Frankfurt. Und der Autor schickt sich an, im November Bundesvorsitzender der Grünen zu werden. Ein Novum, denn Menschen mit dem sog. Migrationshintergrund waren bislang nicht an der Spitze von namhaften Verbänden, Parteien oder Institutionen zu finden. Cem Özdemir ist in Deutschland geboren und aufgewachsen und kennt das Land seiner Eltern nur von den Urlaubsreisen. Die tiefe Motivation, es wirklich kennenlernen zu wollen ist wie eine transparente Folie, die hinter den Geschichten steht. Das Buch gliedert sich in zehn unterschiedliche Kapitel, in denen die Geschichte, der Status der Religion, die Geschlechterrollen, das Verständnis von Demokratie, die Meinungsfreiheit, das Bildungssystem, die Umweltfragen, das EU Beitrittsbegehren u.a.m. angesprochen werden. Özdemir wendet sich nicht nur an seine „Landsleute, die mehr als 2,5 Millionen Deutsch-Türken“, sondern an uns alle. Sein Grundton ist sympathisch ungekünstelt, einfach und erfrischend narrativ. Da geht jemand selbst auf Entdeckungsreise und kommt, wie es den Anschein hat, teilweise mit mehr Fragen zurück. Der Autor schafft es, dass wir uns bisweilen die Augen reiben, die beschlagene Scheibe, die unser bisheriges Türkeibild prägte, wird geöffnet und legt neue Einsichten frei. Seine Stärke liegt darin, wie er Personen, Entwicklungen, Entscheidungen und Ereignisse in völlig neue Zusammenhänge überführt und somit für überraschende Wahrnehmungen sorgt. Wer als Lehrer in diesem Land arbeitet, bekommt mit diesem Buch eine Steilvorlage für den Unterricht. Und da lebenslanges Lernen angesagt ist, ist das Buch für jeden deutschen Bürger eine aufschlussreiche und absolut kurzweilige Lektüre.
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47. Peter van Gestel, Wintereis, aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler, erschienen im Beltz & Gelberg Verlag, 334 Seiten gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-407-81040-3, Preis 17,90 Euro, für Menschen ab 13 Jahre
Weil seine Tanta Fie kränkelte, der Vater bei den „Moffen“ vorübergehend Arbeit gefunden hatte, durfte Thomas einige Wochen im kalten Winter 1947 zu seinem Klassenkamerad Zwaan ziehen, der in einem besseren Bürgerhaus auf der anderen Seite der Gracht wohnte. Dort unter Aufsicht von Zwaan’s überforderter Tante Jos. Eine verlockende Perspektive, denn Thomas interessierte sich vielleicht noch mehr für die dort lebende Cousine Bet. Doch die Herzen der drei sind insgesamt nicht unbehelligt. Zu frisch sind die bohrenden Erinnerungen an die zahlreichen Verluste des Krieges, an Not und Elend. Untereinander sind die Beziehungen der Menschen vielfach erstarrt und total reduziert worden. Das jahreszeitliche Wintereis jener Tage spiegelt sich häufig im Seeleneis der Menschen wider. Äußere und innere Natur sind sich in ihrer Konsistenz täuschend ähnlich. Doch die verwundeten Seelen der beiden Jungen suchen einander. In fragilen, behutsam geführten Nachtgesprächen, zunächst Rücken an Rücken, vertrauen sich ihren Verlustschmerz an. Zwaans Eltern kehrten aus den Lagern nicht zurück, weil sie jüdischen Glaubens waren. Und Thomas’ Mutter starb an Typhus, der großen Seuche des Krieges. Peter van Gestel schafft Dialoge in betörenden Sprachbildern, die in ihrer beglückenden, dynamischen Tiefe selten anzutreffen sind. Wie das Leben draußen unter dem Eis irgendwann neu erwacht, so keimen und wachsen erst im Schutz der Nacht, Mitgefühl, Freundschaft und Zuneigung. Die mühsam errungene Nähe, vor allem unter den beiden Jungen, stärkt deren Selbstvertrauen, solide, charakterliche Eigenschaften formen sich und die Lust zum Leben bis hin zum heiteren Schabernack blüht wieder auf. Aus allem können wir uns erheben, auch in den trostlosesten Momenten, so uns ein aufmerksamer und interessierter Mitmensch begegnet. Insofern hört das Erwachsenwerden nie auf, denn Beziehungen wollen immer wieder neu gestaltet und erfahren werden. Dieser Roman wärmt nachhaltig das Herz seiner Leser!
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48. Wieland Freund, Der schwarze Karfunkel, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg, 156 Seiten gebunden, ISBN 978-3-40779957-9, Preis 12,95, für Menschen, vor allem Jungen, ab 9 Jahre
Tulpenfieber im 18. Jh .in den Gassen von Amsterdam. Im Mittelpunkt steht Luuk, ein Bäckerjunge und d’Ennery, ein französische Musketier, direkt vom Hofe des Königs. Alles beginnt mit einem Desaster. Zuhause bezieht Luuk Prügel von seinem Vater, weil er den wertvollen Gulden für den Brötchenverkauf vermasselt hat. Daraufhin flieht er, streunt durch die Gassen, bis ein glitzernder Stein im Degenknauf eines Musketiers seine Aufmerksamkeit bannt. Er folgt ihm unauffällig in eine Spelunke mit dem treffenden Namen Beelzebub und wird Zeuge einer Schlägerei, in deren Verlauf unser Bäckerjunge über die Waffenkünste des Musketiers ins Staunen kommt. Mit seiner bescheidenen Hilfe können die beiden fliehen. D’Ennery weiht ihn in seine geheime Mission ein. Es gilt, eine besondere Tulpenzwiebel zu finden. Sie trägt den Namen Semper Idem und ist für den französischen König höchstpersönlich gedacht. Doch wo ist sie? Das damals so verrückte Verlangen nach diesen einzigartigen Zwiebeln macht sie so wertvoll wie einen seltenen, übergroßen Diamanten. Stück für Stück kämmen sich der Musketier und der pfiffige Bäckerjunge durch die Amsterdamer Straßen und Winkel. Nach drei Tagen voller Abenteuer und Gefahren sind sie am Ziel. Ein wie es scheint ungleiches Duo, dass sich dennoch perfekt ergänzt und uns einen herzhaften historischen Krimi präsentiert.
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49. Eduardo Galeano, Fast eine Weltgeschichte Spiegelungen, erschienen im Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 460 Seiten gebunden im schlanken Hochformat, ISBN 978-3-7795-0230-2, Preis 24 Euro
Sie wollen wirklich etwas Ungewöhnliches über die „Erfindung des Jazz“, die „Erfindung von Hollywood“, die „Erfindung der Schönheit“, die „Erfindung des modernen Romans“, die „Erfindung des Huhns“, die „Erfindung des Sexismus“ erfahren, vielleicht auch über die „Guillotine“ oder über „Luftdiät, gar über „Geständnisprotokolle des Teufels“ oder als interessantes Pendant über die „Engelchen Gottes“? Dann greifen sie zu diesem neuen Buch von Galeano. Er ist beileibe kein Universalgelehrter, weder der Herr Brockhaus noch Frau Wikipedia, sondern ein nachdenklich schreibender, außerordentlich wacher Zeitgenosse. Aufgewachsen in Uruguay, aufgestanden die gegen hässlichen Diktaturen, die in den 1970er Jahren fast ganz Lateinamerika überzogen. Die Jahre im spanischen Exil ließen ihn zum Wanderer zwischen den Welten reifen, zum unnachgiebigen Chronist vom Leben der Unscheinbaren, der Parias und kleinen Leute. In den vergangenen Jahrzehnten streifte er durch Bibliotheken, Bars und Baracken in vielen Bananen-republiken dieser Welt. Mit einzigartiger Akribie setzt er Gesehenes, Gehörtes, Unerhörtes, Gehauchtes und Erdrückendes in Sprache um. Meisterhaft in Anekdoten gegossen. Mit der beispiellosen Fähigkeit des pointierten Schlaglichts, um Missstand, Zustand, Anstand und Verstand auszuleuchten. Denn was einmal in Szene gesetzt wurde, lässt sich nicht mehr so leicht verstecken. Etwa 500 Kleinstgeschichten hat Galeano als Spiegelungen unserer Weltgeschichte zusammengetragen. Der wichtigste Publizist Lateinamerikas demaskiert und dechiffriert, damit wir nach der Lektüre anders in den Spiegel schauen können. In der konkreten Tat schreibt für jene, „die seit Jahrhunderten Schlange stehen“.
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50. Mirjam Pressler, Nathan und seine Kinder, als Roman erschienen im Verlag Beltz & Gelberg, 258 Seiten gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, ISBN 978-3-407-81049-6, Preis 16,95 für Menschen ab 14 Jahre
Seit weit mehr als 200 Jahren kennt die Welt dieses dramatische Theaterstück, das in dem großen Ziel der Religionstoleranz kulminiert. Die darin enthaltene Ringparabel lässt sich bis ins frühe 11. Jahrhundert nachweisen und wurde vermutlich von sephardischen Juden auf der iberischen Halbinsel verfasst. Wir alle sind Nachfahren des Tempelritters, des Sultans und schließlich auch Nathans. Mirjam Pressler nimmt diesen uralten und dennoch ewigjungen Stoff und modelliert ihn in unsere Zeit hinein. Sie weicht kaum von der personalen Binnenstruktur, wie sie bei Lessing im Original vorzufinden ist, ab. Gleichwohl haucht sie diesen Menschen völlig neues Leben ein. Wir begegnen ihnen konkret mit Fleisch und Blut. Wir erfahren Hintergründe ihres Tuns und Lassens über ausführliche biographische Skizzen. So kommen sie uns nahe, berühren unseren Denk- und Fühlhorizont. Spannungen werden unausweichlich spürbar, weil der Kampf der Religionen um den einzigen wahren Weg zur Wahrheit, zu Gott seit Jahrhunderten immer wieder neue gewalttätige Blüten treibt. Mirjam Pressler verleiht ihren Figuren dermaßen viel substanzielles Leben, dass wir uns ihrem jeweiligen inneren Ringen um den Königsweg zu Gott nicht entziehen können. Faszinierend sind z.B. die Schachpartien zwischen Al-Hafi, dem Derwisch des Sultans und Nathan. Das Brett wird als Spielfläche der menschlichen Spezies verstanden und gedeutet. Bewusst lässt die Autorin den Roman anders enden als bei Lessing .Dem Hauptmann von Saladin, Abu Hassan, liegt zuviel Überzeugungsmacht und Geschick in der Hand von Nathan, er missbilligt die Freundschaft dieses Juden zu seinem muslimischen Herrn und beschließt, ihn aus dem Weg zu räumen. Damit legt Mirjam Pressler eine kaum zu überbietende Spur in unsere Gegenwart. Sie fabuliert mit langem Atem und erzählt überzeugend sowie mitreißend dieses nachdenkliche Stück über die Toleranz unter den Religionen neu.
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51. Franz Hohler & Jacky Gleich, Mayas Handtäschchen, erschienen im Verlag Sauerländer, 56 Seiten gebunden mit durchgehend vierfarbigen Bildern von Jacky Gleich, ISBN 978-3-7941-5201-8, Preis 16 Euro, für Kinder ab 4 Jahre
Auf dem Namensschildchen der Haustür steht „Hadbiakaprjanoschwilibaitalgarianz“. Weil dieser Nachname dermaßen kompliziert ist, kennen Maya alle nur mit ihrem Vornamen. Dennoch will sie ihren Familiennamen behalten. Gern hätte sie auch gewusst, woher dieser ungewöhnliche Name kommt, doch das bleibt rätselhaft. Eines Tages, auf der vergeblichen Suche nach einem orientalischen Kochbuch, erwirbt sie ein offenbar geheimnisvolles Handtäschchen. Zuhause beim Öffnen verströmt es die imposantesten Düfte Arabiens und ein Spiegel lugt heraus, der sie in der Person von Sumaya anspricht. Soweit lässt Schneewittchen noch grüßen. Sumaya verrät ein grandioses orientalisches Rezept und die eingeladene Freundin ist begeistert. Als Maya sich ein andermal auch dementsprechend kleiden will, erwirbt sie in einem weiteren kleinen Laden das nächste interessante Handtäschchen mit wiederum sprechendem Spiegel, der aus ihr eine faszinierende Schneiderin macht. Jetzt lädt sie viele Freunde ein, die sofort wissen wollen, wo sie diese Lebensmittel und Stoffe erworben hat. Sie nennt die entsprechenden Adressen in den Gassen, die aber in dieser Stadt gar nicht existieren. Die Schwelle zwischen Realität und Märchenwelt verschwimmt vollends, als Maya ein drittes Handtäschchen erwirbt, das ihr eine komplette Reise in den Orient ermöglicht. In ihrer eigenen Straße schaut sie aus dem Fenster auf eine riesige Handtasche mit einem Eingang in die von ihr ersehnte Welt des Orients. Maya betritt die „Handtasche“, zeigt enormen Mut, ist tapfer in der Überwindung von lästigen Hindernissen, gelangt in den Palast des schlafenden Prinzen und erlebt eine große Überraschung. Einmal mehr gelingt Franz Hohler eine Geschichte, die an fantasievollen Eruptionen nichts zu wünschen übrig lässt. Die Verquickung von Magie, Märchen, Mythen und Realität schafft einen dramaturgischen Bogen, dem wir uns nicht entziehen können und wollen. Wobei die Bilder von Jacky Gleich dieses Erzählfeuer mit Sauerstoff anheizen und der Fantasie eine dichte atmosphärische Kontur verleihen, damit wir uns nicht verlieren.
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52. Heinz Erhardt, Ein Nashorn und ein Trockenhorn, mit Illustrationen von Jutta Bauer, erschienen im Lappan Verlag, 76 Seiten gebunden mit Schutzumschlag und vielen vierfarbigen Bildern, ISBN 978-3-8303-3224-4 Preis 9,95 Euro - für Menschen ab 9 Jahre
Vor Monaten waren die Gazetten gefüllt mit weniger oder mehr geglückten Nachrufen auf Heinz Erhardt. In diesem Jahr wäre er 100 Jahre alt geworden. Zahlreiche seiner Texte werden auch in den nächsten Jahren noch Bestand haben. Wie kommt es zu dieser eigentlich zeitlosen Anerkennung? Vielleicht deshalb, weil er den Menschen eben nicht nach dem Mund geredet hat, wie das in der heutigen Comedyszene über weite Strecken der Fall ist? Er versuchte vielmehr, dem allzu Menschlichen auf den Grund zu gehen und dabei rang er mit der Sprache, um dafür den authentischen Ausdruck zu finden. Sein Spiel mit den Worten war immer dem Spiel verpflichtet und nicht, um zu gefallen oder raschen Beifall zu erheischen. Situationskomik war weniger seine Sache, dafür aber der zweite Blick auf die menschliche Gemengelage und der dritte Schnappschuss ins Gemüt. Die hinreißende Sammlung von Versen im vorliegenden Buch legt in diesem Sinne ein großartiges Zeugnis ab. Beispielsweise vom Löwenzahn, der gerade wieder so heftig und leuchtend blüht: „ Löwenzahn ist schon seit jeher / als höchst kriegerisch verschrien / denn erlässt bei gutem Winde / Fallschirmtruppen feindwärts ziehn / Und ich sitz auf der Veranda / und verzehre meine Suppe / und entdecke in derselben / zwei Versprengte dieser Truppe.“
Diese geniale Einfachheit im Dichten schmückt Jutta Bauer, ein Leuchtstern am internationalen Illustratorenhimmel, mit hinreißenden, zauberhaften und leicht-sinnigen Bildern und Vignetten. Mit dem Buch hinterlassen sie als Schenkender überall den starken Eindruck eines guten Geschmacks.
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53. Philip Militz, Kai Pannen, Tom und die Schimpfwortpolizei, mit Bildern von Kai Pannen, erschienen im Lappan Verlag, 24 Seiten gebunden mit durchgehend vierfarbigen Bildern im größeren Format, ISBN 978-3-8303-1143-0 - Preis 12,95 Euro - für Menschen ab 5 Jahre
Aus voller Brust fluchen, entlastet diese, reinigt die Seele, sagen kluge Leute. Dem Selbsttest steht nichts im Wege. Fluchen ist Alltag. Missgeschick, Versagen und Ärger werden in deftige Silbenverbindungen gekleidet. Das ist bei Tom nichts anders. Allerdings gesellt sich noch ein Hobby dazu: er sammelt Flüche in seinem Notizbuch. Und bei schlechter Laune sprudeln sie nur so aus seinem Mund. Nicht immer zur Freude von seiner Oma Brakelmann, die übrigens das neueste Rollatormodell „Marke Ulla Schmidt“ nutzt. Eines Tages tönt Tom seine Fluchsammlung zum Küchenfenster hinaus. Mit beträchtlichen Folgen, denn Kommissar Bitterbeck, der ranghöchste Schimpfwortpolizist weit und breit, ertappt ihn auf frischer Tat. Als Adlatus seines ministerialen Dienstherrn Schäuble, mit beachtlichen Lausch-Hörrohren, plaudert er aus dessen Paragraphen-Nähkästchen: „Fluchen ist Luftverschmutzung mit Wortmüll und gehört bestraft. Leisten Sie keinen Widerstand und machen Sie unverzüglich den Mund auf!“. Tom gibt ohne Umschweife seine Fluchsammlung grandios zum Besten. Verdutzt ist der Schimpfwortpolizist, plustert und bläht sich auf, als müsse er gleich platzen. Sein Beamtenmund öffnet sich und heraus sprudeln jene Flüche, die er vierzig Dienstjahre sammeln durfte. Was für eine Wohltat! Und Tom ist erstaunt, wie viel neue Flüche er taufrisch eintragen kann. Kai Pannen hat mit Tom und Bitterbeck im Comicstil nicht nur zwei originelle Figuren geschaffen, sondern verbildlicht konsequent alle Flüche, worauf mit den Kindern das heitere Ratespiel beginnen kann. Also lasst es uns versuchen mit dem Fluchen, auch wenn keiner geschrieben steht.
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54. Volker Mauersberger, Kalte Wut Der Fall Ellen Rinsche Roman, erschienen im Hermann-Josef Emons Verlag, Köln, 240 Seiten gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-89705-626-8 - Preis 17,90 Euro
Kriminalromane leben von exzellenten Kopfgeburten, gezeugt von Fiktion und Phantasie, die wir im vorliegenden Buch antreffen. Freilich mit dem Unterschied, dass die buchstäblich „kalte Wut“ ihren tatsächlichen Ausdruck fand. 1949, wenige Jahre nach dem Krieg, befreit sich Ellen Rinsche, wohnhaft in Gevelsberg, in einem inneren Getriebensein definitiv von ihrem Mann. Sie schlägt ihn tot. Sie kann ihn nicht mehr länger ertragen. Nach dem Tod durch das Bügeleisen, zerstückelt sie seinen Corpus mit Axt und Säge, befördert die Leichenteile als Reisegepäck getarnt, unter Zuhilfenahme des ausgedienten Kinderwagens in nächtlichen Bahnfahrten nach Wuppertal und Düsseldorf und wirft als letztes den Schädel kurzerhand in den Rhein. Jahrelange, gewalttätige Demütigungen durch ihren Mann Josef Rinsche, kultivieren in ihr maßlosen Hass, Zorn und nicht zuletzt heftigste Ohnmachtgefühle. Das innere Fass läuft über, und was lange gärt wird endlich Wut. In einem Akt unfassbarer Gegengewalt wird das Opfer zum Täter. Ellen Rinsche vollzieht eine Tat, die in der Kriminalgeschichte ihresgleichen sucht und die junge Bundesrepublik erschüttert. Wenige Monate nach der offiziellen Abschaffung der Todesstrafe steht sie vor dem Hagener Schwurgericht, wo ihr engagierter Pflichtverteidiger aus Wuppertal alle justiziablen Möglichkeiten des jungen deutschen Rechtsstaates nutzt. Volker Mauersberger, langjähriger, arrivierter ARD Journalist, gebürtig aus Gevelsberg, schleppte diesen realen Kriminalfall lange mit sich herum, bis er diese Form fand, ihn erzählend der größeren Öffentlichkeit anzubieten. Er wählt den Roman, der durchsetzt ist mit Strukturen der Erzählung, des Tatsachenberichts, des Sozialprotokolls, der Aktenzitate und letztlich der Phantasie, um alles miteinander zu verschmelzen. In Summe begegnen wir also nicht nur einem bestechenden zeitgeschichtlichen Dokument, sondern auch hervorragend ausgearbeiteten Charakterprofilen, die ein Lehrstück in Menschenkunde darstellen. Ist das alles 60 Jahre nach der Tat noch interessant? Oh ja, denn die Frauenhäuser der Republik sind gefüllt. Die Gewalt im häuslichen Umfeld nimmt kein Ende und deshalb stellt der Roman von Mauersberger ein wichtiges Reflexionsangebot dar, das zudem packend inszeniert ist.
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55. Christiane Pieper, Die Nicht in der Fichte, erschienen im Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 24 Seiten gebunden mit durchgehend vierfarbigen Bildern, ISBN 978-3-77950272-2, Preis 13,90 Euro, für Menschen ab 4 Jahre
Im ersten Bild schaut der Onkel wie durch ein Fernglas auf eine Fichte. Womöglich reibt er sich die Augen. Das kann doch wohl nicht wahr sein. „Da reitet meine Nichte einfach auf die Fichte.“ Ignoriert alle Gesetze des ehrenwerten Isaac Newton und bewegt sich mit ihrem Pferd auf die Krone des Nadelbaumes zu. „Wer hätte das gedacht, dass das Pferd so etwas macht?“ Was treibt Reiterin und Pferd so hoch ins Geäst? Sie wollen einen Baumzapfen ernten. Die dekorieren nicht nur prächtig unseren Tischschmuck zu Weihnachten, sondern knistern auch so geheimnisvoll im Feuer. Doch alle Mühe ist umsonst. Die Zapfen sitzen sehr fest. Ohne Erfolg kommt die Reiterin wieder den Stamm herunter geritten. Übrig geblieben ist nur der olympische Geist, denn sie hat immerhin das Unmögliche probiert, schon lange bevor Toyota mit dieser Vokabel warb. Kaum unten angekommen: „Galopper, galopp, da rauscht es von oben und macht einmal plopp“. Es siegt der Zufall oder die Schwerkraft oder das innige Wünschen und Handeln der Nichte. Als Belohnung erhält das Pferd den Zapfen und alle machen sich auf den Weg zum Stall, der mit Weihnachten wurde. Quirlige Reime von Christiane Pieper massieren sanft unser Zwerchfell, erinnernd an den jungen James Krüss. Dazu ihre erfrischenden Bilder, üppig in Farbe und Detail, die das sonnige Gemüt einer Pippi Langstrumpf widerspiegeln. So wird allzu romantische Patina weggewischt und stattdessen stimmungsvolles, heiteres Miteinander angeboten.
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56. Wieland Freund, Törtel, die Schildkröte aus dem McGrün, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim, 184 Seiten gebunden mit zahlreichen farbigen Bildern von Kerstin Meyer, ISBN 978-3-407-79963-0. Preis 12,95 Euro, für Menschen 8 Jahre, sehr geeignet zum Vorlesen
Jemand kauft Törtel im McGrün, ist ihrer aber nach wenigen Tagen überdrüssig und wirft sie bei voller Fahrt einfach aus dem Autofenster. Da liegt diese griechische Landschildkröte nun auf ihrem Rücken, gut abgefedert, deshalb unverletzt. Nach Stunden zähen Wartens kommt zufällig Wendy, die Füchsin, vorbei. Das Abenteuer beginnt. Sie erreichen langsam aber zielsicher Müggeldorf, wo auch Kevin, der Marder, Hokuspokus, der Schwan und Grrmpf, das Wildschwein und andere Tiere leben. Die haben ein Problem und können so eine unerschrockene Kreatur als Freund und Gefährten gebrauchen. Wer den unfreiwilligen Flug aus einem Auto überlebt, ist sowieso zu höherem berufen. Zunächst wird uns der sogenannte Tonnentag genüsslich geschildert. Vor der offiziellen Leerung, machen sich die Tiere, angezettelt und angeführt vom mächtigen Eber Grmpff über die noch essbaren Inhalt her. Nun zu Recht werden die Tiere von den Menschen verdächtigt, allen voran die Wildschweine, doch leider werden sie auch für die Wohnungsdiebstähle verantwortlich gemacht. Das geht zu weit! Jetzt müssen die Tiere handeln und den Menschen klarmachen, dass sie die Übeltäter unter ihresgleichen suchen müssen. Ein schwieriges Unterfangen, da Menschen und Tiere nicht dieselbe Sprache sprechen. Doch Törtel erweist sich als Schildkröte mit Pfiff, ist weise, lebt ja auch schon lange. Aber mehr wird nicht verraten über eines der turbulentesten und charmantesten Kinderbücher der letzten Zeit, wo es von schrägen Charakteren nur so wimmelt.
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57. Antje Damm, NICHTS und wieder Nichts, erschienen im Moritz Verlag, Frankfurt, 94 Seiten gebunden im DIN A 5 Querformat mit durchgehend farbigen Illustrationen und Fotos, ISBN 978-3-89565-211-0, Preis 14,90, für Menschen ab 6 Jahre
Mit der Leere und dem Nichts haben wir so unser Problem, oder? Viele unter uns haben es lieber voll, mögen das Bad in der Menge und fühlen sich schnell einsam so mutterseelenallein auf einem großen Platz. Zu allem Überdruss versuchen uns solche Leute wie Stephen Hawking klarzumachen, dass in Räumen wo Nichts anzutreffen ist, die größte materielle Dichte sei. Für derartig Paradoxes haben Kinder viel Verständnis, daraus kristallisieren sich deren große Fragen. Ein paar davon hat Antje Damm faszinierend mit Fotografie, Illustration und Collage aufs Papier gebracht. Auf fast 50 Stationen begegnen wir dem Nichts. In der Regel taucht eine Frage oder Feststellung auf, die uns machtvoll ins Nachdenken zieht. Passend zur Wirtschaftskrise und die einfachste Formel für Inflation: „Es gab Zeiten, da waren selbst 10 Millionen Mark nichts wert“. Und dazu ist der entsprechende Geldschein abgebildet. Spannende Fragen begegnen uns: „Sind wir nichts, bevor wir auf die Welt kommen?“ oder „Kann man nichts empfinden?“ Oder „Sehen Blinde nichts?“ oder die Fragen aller Fragen: „Hat Gott die Welt aus dem Nichts erschaffen?“ Das Nichts bekommt gar Gestalt, wenn die Autorin von den Tränen ihrer Tochter Ida erzählt, die auf das weiße Blatt fielen, eintrockneten, gescannt wurden und nun im Buch auftauchen. Unsichtbar und doch vorhanden. Gehen wir mutig zu und in die Orte des Nichts, denn die Kinder warten dort auf uns und unsere Fragen.
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58. Pim van Lommel, Endloses Bewusstsein Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung, aus dem Niederländischen übersetzt von Bärbel Jänicke, erschienen im Patmos Verlag, 456 Seiten gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-491-36022-8, Preis 24 Euro
Seit etwa 40 Jahren sprechen wir öffentlich über Nahtoderfahrungen. Eine Folge der modernen Medizin, die Möglichkeiten gefunden hat, Menschen, die faktisch tot sind, ins Leben zurück zu holen. Vor einem Vierteljahrhundert vertraut sich dem jungen niederländischen Kardiologen Pim van Lommel ein Patient im Vieraugengespräch an. Dessen Herz stand mehrere Minuten still, das Gehirn wurde nicht mehr mit Blut versorgt und im medizinischen Sinne war dieser Mensch tot. Doch Reanimierungs-versuche glückten und nach dem vollständigen Erwachen erzählte dieser Patient von überraschenden Erfahrungen, von einem bewussten Hören und Sehen, das nur dem lebenden Menschen vorbehalten ist. Pim van Lommel fragt sich seit dieser Zeit, wo diese Bilder und Erfahrungen herkommen, wenn sie absolut nicht mehr vom menschlichen Gehirn produziert werden können, weil dieses bereits definitiv gestorben ist und auch keine halluzinatorischen Bilder mehr liefern kann. Der Herzchirurg folgte dann einem inneren Impuls und sammelte in einer weltweit einzigartigen Langzeitstudie faszinierende, verlässliche Berichte und Erzählungen von weit über 300 Patienten. Ihre Nahtoderfahrungen (NTE) schilderten sie vor dem Hintergrund eines diagnostizierten Herzstillstandes nach einem Herzinfarkt, der immer und ausschließlich den klinischen Tod zur Folge hatte. Ein toter Mensch verfügt nur noch über abgestorbene Hirnzellen, die eben nach bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen absolut kein Bewusstsein mehr produzieren können. Dennoch nehmen diese toten Menschen, sich selbst, die Umgebung, Worte, Bilder, Gesten wahr. Sie erinnern sich haarklein an Begegnungen und Dialoge aus ihrer Kindheit und können z.B. nach dem „Erwachen aus dem Tod“ genau sagen, welcher Namenszug auf dem weißen Kittel der Krankenschwester stand. Offenbar existiert ein Bewusstsein von unserem Leben, obwohl es vom Gehirn, als Träger des Bewusstseins, so die bisherige Lehrmeinung der Naturwissenschaftler, nicht produziert wird. Doch wo entsteht oder befindet sich das Bewusstsein, wenn es in unserem Gehirn nicht mehr anzutreffen ist? Begreifen Sie das Unglaubliche dieser Fragestellung? Kühn nimmt uns Pim van Lommel mit auf eine Reise zur Entdeckung des endlosen Bewusstseins, dass paradoxerweise unabhängig davon existiert, ob wir atmen oder nicht. Die Lektüre dieses Buches führt uns in die Herzmitte unserer Wahrnehmungen, an die Grenzen unseres Bewusstseins. Und nur an derartigen Schnittstellen stoßen wir auf Neues, erweitern wir unseren Horizont, lernen wir das Staunen über das der Schöpfung innewohnende Geheimnis neu. Für mich reicht die virtuoseste Science Fiktion nicht an die bewegende Vielfalt dieser Lektüre heran. Der Raum des Lebens ist wohl weitaus größer und tiefer als bisher angenommen.
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59. Will Gatti, Diebe, Roman, aus dem Englischen übertragen von Karsten Singelmann, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim, 414 Seiten gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-407-81058-8 – Preis 16,95 Euro – für Menschen ab 13 Jahre
Ein Barrio, der brodelnde Slum einer Großstadt irgendwo in Lateinamerika. Bruchbuden, Bretterverschläge, Wohnprovisorien und ein Gewirr aus Gassen. Mittendrin Demi und Baz, die genialsten Straßendiebe weit und breit. Beide halbwüchsig. Demi ist zuständig für den direkten Zugriff auf die Portmonees, während seine Freundin Baz perfekt Schmiere steht. Geschick und Tempo sind ihre Markenzeichen. Bislang schlugen sie der Polizei und all den anderen Häschern immer ein Schnippchen. Ihren „Tageslohn“ liefern sie bei Fay ab, die ihnen nicht nur ein Bett und warmes Essen bietet, sondern auch so etwas wie mütterliche Obhut und ein Minimum an Sicherheit. Doch dann ergattern sie einen wertvollen Ring, der den Boden unter ihren Füßen heiß werden lässt, weil sie in die Fänge der Polizei und der Mafia Bosse geraten. Es kommt noch dicker für sie, da Demi bei einer folgenschweren Aktion angeschossen wird und Baz ihn nicht nur retten, sondern auch mit ihm fliehen will, um doch noch eine neue Existenz aufzubauen. Ein rasanter Roman, der authentisch und stets am Siedepunkt kochend eine Welt schildert, die derartige Schicksalsläufe millionenfach produziert und eines davon punktgenau in unser Gemüt hievt. Wir werden gnadenlos und unbarmherzig mit der mafiosen, korrupten und gewissenlosen Struktur dieser Unterwelt konfrontiert und müssen Stellung beziehen, wo wir moralisch stehen. Will Gatti erzählt in einem dermaßen atemlosen Takt, dass wir mit unseren Emotionen nie unbeteiligt sind. Die Struktur des Romans arbeitet mit der Brennglasfunktion und gestaltet das Leben in einem derartigen Moloch durchaus transparent und nachvollziehbar für uns saturierte Europäer. Nicht zu geringschätzen ist die sakramentale Rolle des Geldes, zu dessen Besitzerlangung jedes Mittel recht ist. An diesem Punkt sind wir dieser Unterwelt besonders nahe. Ein Buch, das Unruhe stiftet, wo nie der Spannungsbogen reißt und uns zwischen den Zeilen stets der Spiegel vor Augen gehalten wird.
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60. Lutz van Dijk, Romeo und Jabulile, erschienen im Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 112 Seiten gebunden, ISBN 978-3-7795-0281-4 – Preis 12,90 Euro – ab 13 Jahre
Für die Dauer der vierwöchigen Fußball-WM wird Südafrika bald im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit stehen. Dabei können wir sicher sein, dass die politisch Verantwortlichen in diesem Staat alles daran setzen werden, Konflikte, Unruhen und Begehrlichkeiten nach Gerechtigkeit im Vorfeld zu vereiteln.
Lutz van Dijk verschweigt dieses brodelnde Potential nicht. Vielmehr nimmt er die besonders gewalttätigen Vorfälle im Township Masiphumelele bei Kapstadt im Mai 2008 zu Anlass, uns mit dem zu konfrontieren, was ich die „zweite Apartheid“ nennen möchte. Flüchtlinge aus Simbabwe suchen Obdach und Asyl und werden teilweise gnadenlos eingeschüchtert, verfolgt, in Flüchtlingslager verfrachtet und eben auch getötet. Das ist sozusagen die große soziokulturelle Bühne, auf der die kleine Liebesgeschichte von Romeo und Jabulile spielt. Er kommt aus dem Nachbarland, lernt sie bei einem Fußballspiel kennen und sie entdecken das Herz füreinander. Einmal mehr überspringt die Liebe alle Gräben, macht erfinderisch und lässt erstaunlichen Wagemut wachsen. Schritt für Schritt werden wir hinein genommen in diese zarte Beziehung, die miteinander einen Teppich webt, der sich leicht mit uns Richtung Himmel erhebt. Lutz van Dijk schreibt so, als hätte er jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Er produziert in seiner sprachlichen Fabulierkunst eine dichte Atmosphäre der Anteilnahme, des Respekts und der herzlichen Zuneigung füreinander, die wir Liebe nennen. Mir gefällt die intensive Unmittelbarkeit, die dieser Sprache innewohnt und die uns öffnet für ein Stück Wirklichkeit mit der bedrückenden als auch heiteren und unbeschwerten Note. In den letzten Jahren gab es nur wenige Romane, die politische Fragestellungen und persönliche Lebensentwürfe so überzeugend miteinander verbanden.
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61. Margot Kässmann, Fantasie für den Frieden oder: Selig sind, die Frieden stiften, erschienen in der edition chrismon, Frankfurt, 104 Seiten gebunden im Westentaschenformat, ISBN 978-3-86921-038-4 Preis 8,90 Euro
Zu Jahresbeginn ist Margot Kässmann heftig angegriffen worden. In ihrer Neujahrspredigt tauchte der bemerkenswerte Satz auf: „Nichts ist gut in Afghanistan“. Wohl wahr, nicht nur deshalb, weil die große Mehrheit unseres Volkes so denkt. Aufgescheucht fühlten sich nun jene aus Politik, Wirtschaft, Medien und Lobbystruktur, die uns in den vergangenen Jahren den eben doch kriegerischen Einsatz dort schmackhaft machten. Schließlich braucht der militärisch-industrielle Komplex, wie ihn seinerzeit der Theologe Helmut Gollwitzer nannte, Futter. Die Absegnung vom Bundestag ging damals relativ rasch über die Bühne, weil das Engagement am Hindukusch angeblich unsere Freiheit hier verteidige und schließlich in die globale Nato- und UN Struktur eingebettet sei. Frau Kässmann teilte in ihrer Predigt lediglich den Unmut vieler Menschen anders mit. Jetzt erläutert Sie beherzt und umsichtig den friedensethischen Hintergrund Ihrer seinerzeitigen Gedankenführung. Dabei ist es nebensächlich, dass Sie nun offiziell nicht mehr als Landesbischöfin und EKD Ratsvorsitzende tätig ist. Ihre Meinung fußt auf dem roten Faden des eindeutig pazifistischen Weges dieses Jesus von Nazareth. Da braucht es keinen theologisch-philosophischen Eiertanz, ob die Bergpredigt nun eher gesinnungs- oder verantwortungsethisch zu deuten ist. Die Lektüre dieser biblischen Hinweise lässt keine andere Deutung zu als jene, die Margot Kässmann in ihrer Neujahrspredigt auf den Punkt gebracht. Da kann ihr nicht genug gedankt werden. Notwendige Worte einer couragierten Frau!
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62. Gianluca Falanga, Italien – Ein Kompass durch das geliebte Chaos, erschienen im Christoph Links Verlag in Berlin, 208 Seiten in Klappenbroschur, ISBN 978-3-86153-574-4 Preis 16,90 Euro
Draußen steigen die Temperaturen. Die Sehnsucht nach dem Süden, der mehr ist als der geografische Fußsteg Europas, wächst. Für viele ist der Süden synonym mit Italien. Wir lieben dieses Land, deren Küche längst die Speisekarten unserer Restaurants majorisiert. Ohne die zahlreichen Pizza Taxen würde Deutschlands Nachwuchs nahezu verhungern. Doch kennen wir eigentlich unsere Nachbarn, auch wenn sie als Eisdielenbetreiber bereits vor mehr als 50 Jahren über die Alpen zu uns kamen? Gianluca Falanga schafft wirksame Abhilfe und bietet Geschichte und Einblicke an, die jeden Reiseführer, wohltuend und notwendig ergänzen. Selbst wenn wir die italienische Sprache nicht beherrschen, so verstehen wir dennoch die Italiener ein wenig mehr, wenn wir Falangas Wahrnehmungen folgen. Er führt uns durch den Dschungel der Merkwürdigkeiten und Widersprüche und nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um das Demokratieverständnis seiner Landsleute geht. Natürlich erzählt er von der Mafia, dem besonderen politischen Krebsgeschwür. Er fühlt sich ein in den Typus der italienischen Familie, die ihresgleichen sucht. Falanga weiß zu berichten von den Macken und Leidenschaften und weckt damit noch mehr Interesse für dieses Land und seine Menschen. Der Autor lebt seit fast 10 Jahren in Deutschland und schaut deshalb mit dem interessierten Blick eines „Deutschen“ auf dieses „gestiefelte Land“. Das macht die Faszination dieser Länderkunde aus dem Links Verlag aus. Die Bücher verlocken, fühlen sich ein, sind eine gekonnte Verschmelzung von Kultur- und Lebensgeschichten, rücken auf die Pelle und ergreifen Positionen. Sie lesen sich wie der lange Brief eines guten Freundes aus einer anderen Kultur.
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63. Chris Wormell, Drei dicke Freunde, erschienen im Moritz Verlag in Frankfurt, 32 Seiten gebunden in kleinformatiger Pappe, ISBN 978-3-89565-214-1 Preis 8,95 Euro, für Menschen ab 3 Jahre
Jeden Tag fährt der Lokführer mit seinem Zug von zuhause in die Stadt. Nicht immer hat er Fahrgäste. Aber heute ist ein besonderer Tag, das spürt er. Als Frau Walross zusteigen will, bekommt er allerdings einen Schrecken. Die passt doch gar nicht in meinen kleinen Zug! Es ist kaum zu glauben, aber an der nächsten Station begehrt auch Herr Bär um Mitfahrt. Und unser Lokführer ist fassungslos, als auch noch Frau Elefant mit in die Stadt will. Die passen doch nicht alle rein? Aber sie passen. In der Stadt gehen die drei Herrschaften einkaufen was das Zeug hält und wollen natürlich alle mit dem Lokführer wieder zurück. Aber das geht doch nicht? Wo sollen denn die ganzen Lebensmittel hin? Aber es passt. Die Fahrt wäre gut verlaufen, wenn sich nicht die Biene im Rüssel des Elefanten verirrt hätte. Der muss niesen und das größte Zugunglück der Geschichte ist perfekt. Alles fliegt durcheinander. Unser Lokführer ist außer sich. Doch bevor er einen klaren Gedanken fassen kann, haben die drei Fahrgäste alle ihre Freunde und Verwandten herbeigerufen, um die Lebensmittel an Ort und Stelle in einer riesigen Party ordentlich zu verkassematukkeln. Da wird fröhlich und ausgelassen gegessen und getrunken. Bevor jedoch alle ins Suppenkoma verfallen, bittet der Lokführer eindringlich darum, ihm seine Waggons wieder auf die Schiene hieven. Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein bis zuletzt. Diesen Gefallen tun ihm die Tiere und so kann er sicher und zufrieden – töff, töff - sein Zuhause erreichen. Die Lektüre dieses Buches wird jedes Kind fesseln. Der Spannungsbogen ist grandios, die Situationskomik nicht zu überbieten und das Finale setzt die Kinder ins Erstaunen. Die milden Farben des Künstlers unterstützen die Wirkung dieses kleinen Werkes ganz famos und wecken grenzenlose Sympathie.
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64. Labor Ateliergemeinschaft, Kinder Künstler Mitmach Buch, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg Weinheim, 176 Seiten broschiert im DIN A 4 Format, ISBN 978-3-407-79979-6 Preis 9,95 Euro, für Menschen ab 6 Jahre
Bücher mit Figuren, Strukturen und Formen zum Ausmalen sind von gestern. Das hat mit wenig mit Kreativität zu tun, sondern soll die Kinder auf schlichtem Niveau beschäftigen. Seit 2-3 Jahren sind allerdings „Krikel-Krakel-Kritzel-Mitmachbücher“ auf dem Markt, die vor allem auf das Weitermalen setzen. Kinder werden angeregt, eine Idee nur als Anstoß aufzunehmen, um danach konstruktiv, wirklich fantasievoll, teilweise turbulent und witzig eigene Entwürfe auf das Blatt zu bringen. Dabei geht dieses vorliegende Buch der Künstlergemeinschaft aus Frankfurt noch einen Schritt weiter, weil hier Comics, Fotocollagen oder auch geometrische Zumutungen und Einwürfe etc. vorkommen, die von den Kindern echtes praktisches Tun, deutlich über den Einsatz von Malstiften hinaus, verlangen. Knapp hundert Bilder wollen bekritzelt, beschrieben oder beklebt werden. Ab sofort haben langweilige Durststrecken in den Ferien keine Chance mehr.
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65. Alexander Osang, Im nächsten Leben – Reportagen und Porträts, erschienen im Christoph Links Verlag in Berlin, 256 Seiten gebunden mit Schutzumschlag, 978-3-86153-571-3 Preis 19,90 Euro
Er „sammelt“ Journalistenpreise wie andere Briefmarken. Er legt es nicht darauf an. Die Preise verfolgen ihn. Alexander Osang verkörpert den literarischen Reporter par exzellence. Er hört den Menschen, die ihm gegenüber sitzen, offenbar gut zu. Seine ganze Aufmerksamkeit widmet er ihnen. Das ist heute selten anzutreffen. Ist jemand dann noch in der Lage, das Wahrgenommene in eine Sprache zu fassen, die den Leser packt, verwirbelt, gar besetzt, dann bekommen wir ein Gespür für leidenschaftlich guten Journalismus. Eine Pflanze, die im bundesdeutschen Mediengarten immer seltener anzutreffen ist. Alexander Osang scheut keine weiten, skurrilen oder anstrengenden Wege, um seinem Gegenüber Fragen zu stellen, damit beim Leser ein inneres Bild von diesen Menschen entsteht. Die Palette der Befragten ist schillernd: Zuhälter, Schauspieler, Aussteiger, Fußballtrainer, eine Bundeskanzlerin, ein Popstar und viele spannende Nobodys, die oft mehr vom Leben erfahren haben, als sie je selbst mitteilen könnten. Eine Reise ins Gemüt von Personen, Persönlichkeiten und Persönchen, faszinierend dargestellt, in einer Sprache, die nichts als Feinkost ist und in einem Ton, der uns mit sympathischen Schwingungen zurücklässt. Nach der Lektüre ist man klüger. Jetzt weiß man, warum dieser Mann Journalistenpreise „sammelt“. Er kann gar nicht anders und schenkt uns durch sein Talent das Genusslesen von Reportagen.
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66. Jens Soentgen, Von den Sternen bis zum Tau – Eine Entdeckungsreise durch die Natur, mit zahlreichen farbigen Illustrationen von Vitali Konstantinov, erschienen im Peter Hammer Verlag in Wuppertal, 408 Seiten gebunden in Halbleinen mit Leseband, ISBN 978-3-7795-0291-3 Preis 24,90 Euro, für Menschen ab 14 Jahre
Ist die uns umgebende Natur nicht längst entmystifiziert? Wissen wir bereits nicht zuviel über sie? Können wir der Natur überhaupt noch staunend begegnen? Gar im Innehalten und lustvollem Beobachten? Jens Soentgen zeigt uns einen Weg und lässt uns nicht allein, so, als hätten wir rechts Herrn von Goethe und links z.B. Herrn von Humboldt an der Hand. Zwei Forscher und Entdecker der besonderen Art, die den zweiten und dritten Blick riskierten, den wir überfütterten Augenmenschen längst verloren haben. Dieses Buch ist einzigartig und Vergleichbares suchen wir vergeblich auf dem Buchmarkt. Es ist in der Person des Autors über Jahre gereift wie guter Wein, den er uns nun kredenzt. Wir lernen Bäume, Sonne, Mond, Kiesel, Staub, Bakterien und Fledermäuse völlig neu, unmittelbarer kennen. Ein begeisternder Tanz durch den Kosmos in einer Sprache, die den Leser begehrt, die nach unbedingter Teilhabe sucht. Wer sich mit Jens Soentgen auf diese Reise durch Wald und Feld, Wüste und Ozeane einlässt, macht wie selbstverständlich neue Entdeckungen, kann zuhause mit wenig Material über 120x nach feiner, verstehbarer Anleitung experimentieren und damit nachhaltig und phänomenal begreifen in welcher betörenden Vielfalt wir leben. Die Lektüre empfehle ich allen, vorzugsweise und aktuell jenen Managern, Politikern und sonstigen Prominenten, die in einem dümmlichen Medien-Appell für die verlängerten Laufzeiten von Atomkraftwerken werben. Wir können über die Natur nicht herrschen. Wir können nur in Partnerschaft mit ihr leben, weil wir ein Teil von ihr sind.
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67. Klaus Wagenbach, Die Freiheit des Verlegers – Erinnerungen, Festreden, Seitenhiebe, erschienen im Klaus Wagenbach Verlag in Berlin, 320 Seiten gebunden, ISBN 978-3-8031-3632-9 Preis 19,90 Euro – für Menschen ab 16 Jahre
Was macht die Faszination dieses Klaus Wagenbach aus? Er kann famos erzählen, fabulieren, mit Wörtern und ihren Nuancen und Bedeutungen jonglieren. Er weiß Vorgänge literarisch zuzuspitzen, ist treffsicher in seinen Formulierungen, wenn es darum geht, den Schleier von Verdummung, Lüge und Ignoranz und penetranter Gleichgültigkeit oder Beliebigkeit durchzutrennen. Sein Freigeist macht ihn zum Freibeuter literarischer Filetstücke. Mal widmet er sich den gegenwärtigen italienischen Literaten, dann forscht er als unermüdliche, „letzte Witwe Kafkas“ und für den demokratisch gefährdeten Alltag in Deutschland hat er per se eine leidenschaftliche Anklage in der Mappe. Selbstredend seine unerschütterliche Parteinahme für das Lesen und Schreiben, sein kulturelles Herzstück des homo sapiens. Nicht von ungefähr ist er Deutschlands Verleger mit den meisten Strafprozessen auf seinem Konto. Er scheut nicht den Streit, wenn es um das Zeugnis der Verbundenheit mit aufrichtig denkenden und handelnden Menschen geht. Im Buch finden wir zahlreiche unveröffentlichte Texte in einer Sammlung aus fünf Jahrzehnten, die u.a. auch über seine Familienbiografie Aufschluss geben. Insgesamt ein prachtvolles Lesebuch über die Lust am Querdenken und an der sanften Rebellion. Möge er noch weiter den literarischen-essayistischen Finger in die gesellschaftspolitischen Wunden unserer Zeit legen. Vor wenigen Wochen feierte er seinen 80. Geburtstag und wir gratulieren herzlich von dieser Stelle aus.
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68. Heinz Janisch, Linda Wolfsgruber, Finns Land, erschienen im Carl Hanser Verlag, 32 Seiten gebunden mit durchgehend vierfarbigen Bildern, ISBN 978-3-446-23092-7 Preis 12,90 Euro – für Menschen ab 4 Jahre
Finn ist vernarrt in Finnland. Einmal auf der Landkarte entdeckt, lässt ihn dieses spezielle nordische Virus nicht mehr los. Finnland steht in seiner Gunst ganz oben. Das gesamte Leben Wird durch eine verklärende finnische Brille gesehen. Für ihn ist es in Finnland nie kalt. Das Meer kann man ständig vom Fenster aus sehen. Und wenn dort wirklich mal Schnee liegt, dann ist es allen merkwürdig warm. In Finnland sehen alle so ähnlich aus wie er, mal etwas größer, mal etwas kleiner. Kommen Besucher, die zufällig von Finnland erzählen, werden sie mit Finns rauschhafter Fantasie konfrontiert, die keinen Widerspruch duldet. Da gibt es z.B. Hotels, die schweben drei Meter über dem Erdboden, erreichbar nur über Leitern und nach dem Check out geht’s die Rutsche runter. Finnland ist auch höflich der Tierwelt gegenüber, weil sich die Bäume verbeugen, wenn ein Bär vorbeigeht. Doch wir ahnen Schlimmes als Finn wieder eine Landkarte in die Hände bekommt und England entdeckt. Hoffentlich springt das Virus der blinden Leidenschaft jetzt nicht über? Der Autor Heinz Janisch ist inzwischen eine Bank für überbordende Fantasie, für kecke Gedanken und sprühende slapsticks. Da steht ihm die Künstlerin Linda Wolfsgruber in nichts nach. Sie nimmt den Wort-Ball von Janisch auf und spielt im Doppelpaß einen rasanten Bild-Ball zurück. Eine visuelle Augenweide!
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69. Anke M. Leitzgen & Lisa Rienermann, Entdecke Deine Stadt – Stadtsafari für Kinder, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg in Weinheim, 156 Seiten gebunden mit zahlreichen Fotos und vierfarbigen Bildern, ISBN 978-3-407-75351-9 Preis 14,95 Euro – für Menschen ab 10 Jahre
Offenbar wohnt der moderne Mensch gern in Städten. Denn überall auf der Welt beklagen wir Landflucht. Was macht Städte so attraktiv? Sie sind laut, unübersichtlich und meistens mit wenig Spiel- und Lebensraum für Kinder ausgestattet. In einer Stadt kann man schnell in eine hässliche Anonymität fallen, die krank machen kann. Den beiden Autorinnen gelingt ein Glanzstück. Sie zeigen uns die zahlreichen Ansichten von Städten, die es zu entdecken gilt. Dazu ist Safarigeist vonnöten, um in die geheimnisvollen Winkel, Plätze und Straßen zu gelangen. Eigentlich sind unsere Städte wie unterschiedliche Menschen auf einem Maskenball. Es kommt darauf an, die vielfältigen Gesichter dahinter freizulegen. Künstler, Stadtplaner, Architekten und Kinder als begeisterte Stadtbewohner können uns dabei assistieren. Dieses Buch als Fundgrube für munteres Stadtleben aus Kinderperspektive ist ein Novum und absolut ohne Konkurrenz auf den Markt. Wer in der eigenen Stadt z.B. Lust auf einen Kindergeburtstag der ganz anderen kreativen Art hat, erhält hier ein Feuerwerk an Ideen und Anregungen.
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70. Mary Hoffmann & Ros Asquith, DU gehörst dazu – Das große Buch der Familien, erschienen im Verlag Sauerländer, in Mannheim, 36Seiten gebunden mit durchgehend vierfarbigen Bildern im Großformat, ISBN 978-3-7941-7311-2 Preis 14,90 Euro – für Menschen ab 4 Jahre
Unsere Gesellschaften haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Nationale Grenzen sind durchlässiger geworden. Diese Umbrüche fallen ins Auge, wenn wir die kleinste Zelle der Gesellschaft anschauen. Offen, ehrlich, ohne zu werten, nur hinschauen und direkt erzählen. Genau das schafft dieses Bilderbuch. Es startet damit, wie wir die Familien früher erlebten und zeigt die Entwicklung zum heutigen sogenannten Patchwork. Familien leben nicht autark, sondern im Verbund von Verwandt- und Nachbarschaft. Doch manche Menschen leben auch allein, ohne Absicht oder aufgrund von Schicksalsschlägen. Einige haben noch nicht einmal ein Zuhause. Manche Kinder gehen zur Schule, andere schwänzen und wieder andere warten als kleine Kinder sehnsüchtig darauf. Manche Familienmitglieder haben einen Beruf, andere finden partout keine Arbeit. Manche erleben die Ferien in Übersee, andere besuchen ihre Verwandten in Europa und einige können sich überhaupt keinen Urlaub leisten. Manche Papas und Mamas können prima kochen, andere kaufen die Pizza lieber aus der Tiefkühltruhe und wenige bauen ihr Gemüse sogar noch selbst an. So geht das weiter mit der Schilderungen der Kleidungsstile, des Umgangs mit Haustieren, den Traditionen der Familienfeste wie Weihnachten, Diwali, Eid al-Adha, Chanukka, Hochzeiten, Taufen, Bar und Bat Mitzwas, den Hobbies und Gefühlen etc. Mal sind die Familien so und mal so. Sie repräsentieren Vielfalt, die bei uns an jeder Ecke wahrzunehmen ist, wenn wir es wollen und hinschauen. Dieses Bilderbuch putzt unsere Brillen, vor allem jene mit dem Seehofer und Sarrazin Nebel. Zeitlos, auch in fünf Jahren wird es von seinem bestechenden, einladenden Charakter nichts eingebüßt haben. Wir entdecken Gesprächsanlässe ohne Ende, weil die kleinen und großen Betrachter über das Staunen anstößig motiviert werden.
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71. Märchen aus aller Welt, ausgewählt von Jochen Gelberg, prachtvoll ausgestattet mit Bildern von Nikolaus Heidelbach, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg in Weinheim, 384 Seiten gebunden mit Schutzumschlag in Leinen sowie Leseband und 165 teilweise großformatigen Bildern, ISBN 978-3-407-79973-9 Preis 39,95 Euro, für alle
Gewöhnlich sprechen wir von einem Hausbuch, wenn uns solche opulenten Text- und Bild-Werke begegnen, zumal, wenn es sich um Märchen handelt, die für alle Altersschichten aus unterschiedlichen Gründen relevant sind. Der Herausgeber und Lektor Jochen Gelberg, der kürzlich seinen 80. Geburtstag feierte, und der Maler Nikolaus Heidelbach arbeiten seit Jahrzehnten auf der Ebene der bibliophilen Kostbarkeiten zusammen. Dabei verblüfft Jochen Gelberg einmal mehr, weil er umsichtig und mit bestechender Sorgfalt Märchen zusammenträgt. Die ihnen innewohnenden Themen und Fragen gewichtet er dermaßen geschickt, dass sich neue Perspektiven ergeben. Er behandelt die Märchen in der Auswahl so, wie ein Simon Rattle mit seinen Berliner Philharmonikern die fünfte Sinfonie von Mahler: vielfach eingespielt, längst im Ohr und doch ist da etwas Neues. Mit dieser wahrnehmenden Kraft legt er sie Nikolaus Heidelbach auf den Tisch, damit seine Bilder den schöpferischen Dialog aufnehmen. Ein mutiges Unterfangen, das einen Künstler bis an den Rand der Verzweiflung bringen kann. Oder wie raunte es Heidelbach dem Gelberg ins Ohr: „Du hast mir ein paar Märchen mit gewissen Tieren gegeben, denen wird man anmerken, dass sie sich von mir nicht gern haben malen lassen!“ Diese Kraft der geradezu widerspenstigen Auseinandersetzung zwischen Wort und Bild ist förmlich zu spüren und verleiht dem Buch den unvergänglichen Stempel eines außerordentlichen Wurfs. Wir finden 61 Märchen aus über ein Dutzend Kulturen und sehen uns mit Bildern konfrontiert, die tief in uns hinab fallen, ob wir wollen oder nicht. Dort unten schaffen sie Unruhe, wecken uns auf und bahnen sich einen Weg von der Irritation und Provokation zum lustvollen Schauen.
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72. Alice Bodnár, Der ewige Kollege, Reportagen aus der Nähe des Todes, erschienen im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen, 206 Seiten gebunden mit zahlreichen s/w und farbigen Bildern, ISBN 978-3-40421-8 Preis 24,90 Euro
Der Tod hat viele Gesichter. Im Monat November noch mehr als sonst. Eigentlich wissen wir nichts über ihn, weil seine Folgen final und unumkehrbar sind. Auch die Nahtoderfahrungen sind letztlich nur ein Kratzen an der Schwelle. Sie zeigen durchgängig, dass die Angst vor dem Tod unendliche Energien schluckt, die wir jetzt, im Leben vor dem Tod, fruchtbar machen sollten. Jene Menschen können uns mehr erzählen, die in der Haltung des geübten Mitgefühls permanent seine Nähe beruflich erleben. Solche Menschen hat die Autorin besucht und intensiv befragt. Ein Bestatter, ein Onkologe, Kriminalkommissare der Mordkommission, eine Frau aus der Hospizarbeit, ein Rechtsmediziner und ein Altenpfleger geben ungewöhnlich Auskunft und gewähren Einblicke, die uns sonst kaum zur Verfügung stehen.
Wir erfahren einiges über ihre persönlichsten Ansichten. Es tönen unbequeme Wahrheiten durch, die den Interviews Tiefe und Würde verleihen. Die pointierte Bildauswahl und das durchdachte Layout erzeugt eine berührende Aufmerksamkeitsspannung, die uns meint und herausfordert. Ganz im Sinne der einleitenden Worte Senecas; „Wer den Tod ablehnt, lehnt das Leben ab. Denn das Leben ist uns nur mit der Auflage des Todes geschenkt; es ist sozusagen der Weg dorthin.“
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73. Axel Brüggemann, Wie Krach zu Musik wird, Die etwas andere Musikgeschichte, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg in Weinheim, 216 Seiten gebunden mit zahlreichen Abbildungen, ISBN 978-3-407-75353-3 Preis 17,95 Euro, für Menschen ab 12 Jahre
Das Leben begann mit einem großen Knall. Aus einem Crescendo entstand der Kosmos. Die dissonanten Explosionen gehen weiter. Erdgeschichte ist eine etwas andere Musikgeschichte. Die Welt ist wirklich Klang, der auch in einem selbst entdeckt werden will und nach Ausdruck verlangt. Unweigerlich suchen die Menschen nach Tönen und Klängen, die zu Melodien heranreifen, um mit Stimme und Instrumenten hörbar zu werden. Spielerisch, beschwingt, anekdotenhaft reist der Autor durch die Klangwelten und Rhythmen der Antike bis zur Gegenwart von Hip Hop und Rap.Virtuos erzählt er von den Tongeschlechtern Dur und Moll, wie ein begabter Psychologe von den vermeintlichen Unterschieden zwischen Mann und Frau. Natürlich erfahren wir etwas über die Kunst des Minnegesangs und die Entstehung der Noten. Bestechend ist die Aufklärung darüber, weshalb sich die Barockmusik so und nicht anders aus der Renaissance entwickelte. Überhaupt achtet er stets auf die geradezu geschwisterlichen Einflüsse zwischen Musik-, Kultur- und Geistesgeschichte. Er verneigt sich vor Bach und seiner grandiosen Wissenschaft der Musik, präsentiert uns drei Irrtümer über Mozart, beschäftigt sich mit dem Genie Beethoven, vertieft sich ins Kunstlied der Romantik, ehrt Tastenkünstler wie Liszt, Chopin u.a. und steigt auf den Hügel zu Bayreuth, um Wagner zu treffen. Selbstverständlich kommen die Opernfreunde nicht zu kurz, ehe die Moderne mit Mahler und Schostakowitsch das Klangerleben revolutionierten. Zum ersten Mal habe ich durch Brüggemann verstanden, was die Zwölftonmusik von Schönberg bedeutet. Das letzte Kapitel würdigt jene Musik, die wir Zeitgenossen auf allen Kanälen hören dürfen: Musical, Jazz, Pop, Rock bis in die synthetischen Computerklänge unserer Zeit. Mit narrativer Kraft und begeisternder Sachkenntnis schafft der Autor ein Evergreen im geschriebenen Wort über die Vielfalt der Klänge. Faszinierend die Originalbeiträge von großen Musikkünstlern der Gegenwart wie Daniel Barenboim, Thomas Quasthoff, Daniel Hope, Sting, Cecilia Bartoli und Nikolaus Harnoncourt. Ein Buch wie die Neunte von Beethoven.
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74. Ute Krause, Wann gehen die wieder?, erschienen im Verlag Bloomsbury in Berlin, 28 Seiten gebunden im Großformat mit durchgängig vierfarbigen Bildern, ISBN 978-3-8270-5410-4 Preis 13,90 Euro, für Menschen ab 5 Jahre
Denken Sie beim Titel an den Besuch von Verwandten, gar einer Tante, die immer so feucht küsst?
Erst sind die zahlreichen Räubergeschwister bei ihrem Papa, dem Räuberhauptmann zu Besuch. Und dann geht’s mit den Koffern wieder ab nach Hause zur Mama. In Patchworkfamilien ist Pendeln also an der Tagesordnung. Hier wollen das die Kinder, denn ohne Räuberpapa ist das Leben halb so schön. Aber eines Tages treffen sie bei ihm eine Prinzessin mit vielen Prinzessinnenkindern an und müssen den Alltag bei Papa mit denen teilen. Dafür feiern sie jetzt doppelte Geburtstage und Weihnachten. Doch alles wird anstrengender und immer wieder gibt es Streit zwischen Papa und der neuen Mama und Papa und der alten Mama.
Die Frage „Wann gehen die wieder?“ liegt auf der Hand. Aber vielleicht kann man die neuen Typen mit einem Schabernack aus dem Haus vertreiben? Überlegt und getan und der Plan gelingt. Die Prinzessinnenfamilie nimmt Reißaus, aber der Räuberpapa bleibt tagelang untröstlich im Bett. Auch kein Status quo zum Aushalten. Kurzerhand wird die Prinzessinnenfamilie wieder aufgegabelt und vor dem Versumpfen gerettet. Papa freut sich, doch inzwischen hatte sich Mama in einen Drachen nebst Familie verliebt. Der Patchworkhorror nimmt wieder Fahrt auf und die Köfferchen weiter gepackt. Bis jemand eine sympathische und gleichwohl pragmatische Idee hat, aber das lesen sie bitte selbst. Diese köstliche illustrierte und erzählte Geschichte von Ute Krause zeigt, dass Fantasie und Geduld Berge versetzen können und irgendwann sogar das Kofferpacken aufhört.
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75. Axel Hacke, Giovanni di Lorenzo, Wofür stehst Du? , Was in unserem Leben wichtig ist – Eine Suche, erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch in Köln, 242 Seiten gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, ISBN 978-3-462-04241-2 Preis 18,95 Euro
Ist nicht alles über Anstand, Wertekanon, Gerechtigkeit und Moral gesagt? Wir wissen doch, wo es lang gehen sollte, oder? Die Positionslichter aus Geschichte und Gegenwart der Menschen sind leuchtend genug. Alles richtig, wenn der verdammte Alltag nicht wäre, wenn nicht alle Probleme und Missverständnisse im Detail begännen, wo bekanntlich der Teufel residiert. Nun machen sich zwei bekannte Journalisten, die sowohl erzählen als auch schreiben können, auf den Weg, in diese unscheinbaren Ecken vom dem, was im Leben angeblich wichtig ist, hineinzuschauen. Sie bedienen sich der induktiven Methode, dem aufsteigenden Verstehensprozess. Sie erzählen von den kleinen Begebenheiten aus dem Alltag, damit die großen Linien in unserer Gesellschaft ein Profil erhalten. Das machen sie untereinander im Dialog anhand ihrer biografischen, kleinteiligen Erinnerungen, Anekdoten und Erfahrungen. Wir lesen geradezu im Lebensbuch dieser beiden Männer und werden sofort mit unseren eigenen Einstellungen und Einschätzungen konfrontiert.
Dadurch wird die Lektüre spannend und aufschlussreich. Diesen Geschichten kann man sich nicht entziehen, wenn man in sie abgetaucht ist. Mit den Zwischenkapiteln versuchen die beiden Autoren zwar eine Ordnung anzubieten, die sich allerdings erst erschließt, wenn man sich ganz auf die Lektüre einlässt. Das ist klug, weil damit der Seiteneinstieg ins Buch und das beliebte Querlesen obsolet werden. Beide Autoren verbreiten eine wohltuend persönlich reflektierte
Diskurs-Atmosphäre. Sie bieten keinen bewussten Standort an, weil man auf einem Punkt einen schlechten Stand hat. Sie wissen, dass das Abwägen von Meinungen und Ansichten ein Leben lang nicht aufhört. Oder wie sagt es Francis Picabia: „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann!“
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76. Jochen Schmidt, Weltall, Erde, Mensch, erschienen im Verlag Voland & Quist in Dresden, 176 Seiten in Englischer Broschur mit eingelegter Audio CD, ISBN 978-3-938424-52-0 Preis 14,90 Euro
Ein Titel als könnte die Sprache mühelos vom Großen ins Kleine zoomen. Verlassen wir den Konjunktiv, denn Jochen Schmidt kann das. Früher nannte man das “vom Hölzken aufs Stöckchen kommen“. Alle Schriftsteller müssen gut beobachten können sowohl sich selbst von innen nach außen wie von außen nach innen als auch die anderen in ihren Gesten, Worten und allerlei Fragwürdigkeiten. Junge, Junge, das kann dieser Autor! Kein Wunder, schließlich zählt er zu den Mitbegründern der „Lesebühne der Chaussee der Enthusiasten“. Allein dieser Name ist Programm und eine Ohrenweide. Endlich mal wieder dichte Kurzgeschichten angereichert mit dem Charme des leichten Essays. Neugierig geworden? Vielleicht endgültig nach dem Lesen dieser Überschrift von Seite 77: „Tocotronic haben jetzt einen vierten Mann, und die Wahl ist mal wieder nicht auf mich gefallen, obwohl ich alle ihre Lieder auswendig kann und sogar noch die von Udo Linderberg“.
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77. Marie-Aude Murail, Simpel, übertragen aus dem Französischen von Tobias Scheffel, erschienen im Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt, 302 Seiten broschiert, ISBN 978-3-596-80649-2 Preis 7,95 Euro für Menschen ab 13 Jahre
Eigentlich heißt er Barnabé, doch alle nennen ihn Simpel. Er ist bereits 22 Jahre alt, durchaus normal gewachsen, betrachtet die Welt allerdings schlicht und simpel gestrickt. In seiner geistigen Verfassung bewegt er sich auf dem Niveau eines Kindergartenkindes. Nach dem Willen des Vaters soll er wieder ins Heim, aber das lässt sein 17 Jahre alter Bruder Colbert nicht zu. Beiden reisen kurzentschlossen nach Paris, um Unterschlupf zu suchen. Die Suche führt sie in eine WG mit vier jungen Leuten, einer Frau und drei Männern. Stinknormale Alltagsturbulenzen setzen ein, weil Simpel nicht allein gelassen werden kann oder eine Aufsicht braucht, was Colbert nicht allein leisten kann und will. Die Gruppendynamik der WG gerät in eine rasante Achterbahnfahrt. Es schüttelt uns vor Lachen, weil Simpel mit seinem anhänglichen Stoffhasen und den Playmobilfiguren als Privatarmee aber auch alles auf den Kopf stellt. Immer häufiger zeigt der angebliche Behinderte den angeblich Normalen wo es wirklich lang geht. Was zählt, ist Aufrichtigkeit, Zuneigung und ungeteilte Aufmerksamkeit füreinander. Selten wurde ich in den letzten Jahren bei einer Lektüre gleichzeitig humor- und vergnügungsvoll unterhalten sowie geistreich und überraschend angerührt. Dieses Buch packt jeden, weil es uns grandios vor Augen führt, dass unser Weltbild auf dem porösen Fundament der Vorurteile steht. |
78. Janne Teller, Nichts, Was Im Leben Wichtig Ist, übertragen aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler, erschienen im Carl Hanser Verlag in München, 140 Seiten in Englischer Broschur, ISBN 978-3446-23596-0 Preis 12,80 Euro, für Menschen ab 14 Jahre
Bis vor 10 Jahren war dieses brisante Buch in Dänemark verboten. Rasch wuchs dann die öffentliche Aufmerksamkeit und inzwischen liegt es in 13 Sprachen vor. Seit diesem Sommer beunruhigt es bereits Tausende von deutschen Gemütern. Erschütterung ist angesagt, damit wir aus unseren saturierten Zufriedenheitsburgen heraus kommen. Spleenig geht es los. Eines Tages, mitten im August, bleibt Pierre seiner Klasse 7 A fern, weil er reflexiv entdeckte, dass einfach nichts im Leben Bedeutung hat. Warum dann noch zur Schule gehen? Die Lehrer versuchen diesen Umstand zu ignorieren, aber die Mitschüler sind längst von dieser Aktion des Unbedingten geködert. Zumal einige von Ihnen auf ihrem täglichen Schulweg mit Pierre in Berührung kommen. Hoch oben in einem Baum auf dem elterlichen Grundstück sitzend, geradezu erhaben meinungssicher, provoziert und traktiert er die vorbeigehenden Klassenkameraden mit seiner philosophisch-nihilistischen Einsicht. Einmal mehr deklamiert er laut und deutlich, dass nichts in diesem Leben Bedeutung hat. Erst fühlen sich die anderen genervt und später innerlich angetrieben, ihm das Gegenteil zu beweisen. Doch was hat wirklich Bedeutung, damit Pierre nachhaltig überzeugt werden kann? Sie sammeln Dinge und Gegenstände, die ihnen wichtig sind und türmen sie in einem stillgelegten Sägewerk auf.
So wächst der Bedeutungsberg mit einer alten Puppe, einem kostbaren Perlmuttkamm, dem Gebetbuch des frommen Kai, einer historisch relevanten Fahne, dem Gebetsteppich von Hussain, Schlangen aus einem Terrarium und schließlich dem gelben Fahrrad. Es folgt Marie Ursulas Zopf und dann tatsächlich der heimlich ausgegrabene Kindersarg von Elises verstorbenem kleinem Bruder. Der Druck auf die Mitglieder im Klassenverband wächst unvermindert weiter, denn Pierre ist in seiner Haltung nicht zu erweichen, geschweige denn bereit, sich vom Berg der aufgehäuften Bedeutungen ein eigenes Bild zu machen. Somit sind weitere Eskalationen, die der Gewalt das Wort reden und schließlich ein dramatisches Inferno herauf beschwören, unausweichlich. Was vermeintlich als Spiel begann, endet bitter, katastrophal und entlässt den Leser mit der Frage: Was hat in meinem Leben Bedeutung und was tue oder unterlasse ich, um meinem Lebenssinn Gewicht zu verleihen? Wir werden konfrontiert, ob wir wollen oder nicht. Wir erleben hautnah und heftigst existenziell, über welche Macht Weltanschauungen verfügen, wenn sie bedingungslos und blind verfolgt werden. Franz Kafka wäre begeistert, denn für ihn soll ein „Buch die Axt für das gefrorene Meer in uns“ sein. Hier ist es! |
79. Clemens Gerlach, Peer Hartog, PLOPP – Das Bilderbuch zur Krise, erschienen in der avedition in Ludwigsburg, 96 Seiten gebunden mit durchgängig farbigen Bildern, ISBN 978-3-89986-122-8 Preis 19.90 Euro, für Menschen ab 16 Jahre
Die Autoren arbeiten seit Jahren erfolgreich in einer Hamburger Werbeagentur, die gekonnt überraschende Strategien für bedeutsame Marken am Markt erarbeiten. Keine Frage, Sie wissen, wie ein Wort, ein Zitat durch ein Bild und umgekehrt aufgeladen, relativiert. entkernt, verzaubert oder satirisch garniert werden kann. Oft genug ist unsere Wirklichkeit, vermittelt durch eigenes Erleben oder penetriert durch den täglichen Mediencocktail nur noch durch die Brille der Leichtsinnigkeit und der ironischen Distanz auszuhalten. Es geht dem Autorenduo darum, Grundstrukturen der Krise anzudeuten. Wir dürfen und können weiterschauen und –denken. Es erwartet uns ein künstlerischer Parforceritt, der uns einlädt genauer hinzuschauen, bevor zur Beute von Verblödung und Resignation werden. Und ein bisschen nachdenken und enträtseln hat noch keinem von uns geschadet. Nehmen wir z.B. die Seiten 36/37. Links sehen
Wir einen breit gefächerten Werkzeugkasten, der jedem Heimwerker das Herz höher schlagen lässt. Und rechts sehen wir nichts anderes als menschliches Hirnmasse mit folgender Bildunterschrift: „In den USA gibt es mehr Psychoanalytiker als Briefträger“. Wo das Stichwort USA fällt und ganz nebenbei: Michael Moore hätte an diesem Buch seine wahre Freude. In der Krise war der Dax ziemlich am Boden zerstört. Auf der Doppelseite 22/23 sehen wir einen mit der Flinte niedergestreckten Dachs, der im Unterholz eines Waldes liegt.
Und glücklich schätzen darf der Besitzer einer Garage, wenn ich die Doppelseite 8/9 betrachte. Wir sehen eine ganze Reihe von diesen Dingern und links den Text: „Die Gründer von Ford (1903), Walt Disney (1920), Hewlett-Packard (1939), Apple (1973), und Google (1998) starteten in einer Garage.“ Und rechts lesen wir auffordernd: „Haben Sie schon eine?“
Vielleicht sollte z.B. die Agentur für Arbeit einfach Garagen bauen und billigst verpachten, um die Wirtschaft kreativ anzukurbeln? Der Fantasie, um die Krise zu meistern, sind keine Grenzen gesetzt, jedenfalls nicht in diesem Buch, erfrischend! |
80. Morris Gleitzman, Einmal, erschienen im Carlsen Verlag, Hamburg, aus dem Englischen übertragen von Uwe-Michael Gutzschhahn, 190 Seiten in Englischer Broschur, ISBN 978-3-551-35862-2, Preis 8,95 Euro, für Menschen ab 11 Jahre
Eine Lektüre über das Leben des großen polnischen Arztes und Pädagogen Janusz Korczak, der mit den Kindern aus seinem jüdischen Waisenhaus solidarisch in den Tod ging, inspirierte den australischen Autor Gleitzman zu diesem Buch. Auch hier lernen wir das Leben in einem Waisenhaus kennen, wo unter der Leitung von Nonnen die Kinder vor dem Zugriff der Nazis geschützt werden sollen. Im Mittelpunkt steht Felix, dessen jüdische Eltern eine Buchhandlung in der nahe gelegenen Stadt führen. Jetzt 1942 lebt er schon über drei Jahre im Heim, bis er sich zur Flucht entschließt, um seine Eltern zu warnen, weil er Zeuge einer SS Razzia im Waisenhaus geworden war, die alle missliebigen Bücher verbrannten. Damit beginnt für ihn und uns ein Abenteuer ohnegleichen. Seine Eltern findet er nicht mehr, offenbar konnten sie dem Abtransport in die Vernichtungslager nicht entgehen. Verzweifelt sucht er nach Spuren und gerät immer mehr in die Fallstricke von Flucht und Vertreibung. Sein weiterer Weg ist gesäumt von höllenähnlichen Erlebnissen. Mit Leidenschaft kann er ein Mädchen namens Zelda retten, einem jüdischen Zahnarzt in nächtlicher Mission als Assistent zur Hand gehen. Was ihn und andere trägt, vor allem seine verängstigten Gleichaltrigen in einem heimlichen Kellerverlies, ist sein großartiges Faible, aus dem Handgelenk Geschichten zu erzählen. Damit erweist er sich als kleiner Lichtanker in ansonsten tiefschwarzer dunkler Nacht. Schließlich muss aber auch er auf den Transport in das Konzentrationslager. Mit Chaya und Zelda wagt er den Sprung aus dem fahrenden Zug und landet blutend, aber sonst leidlich unversehrt, auf dem Feld. Dem weiteren Inferno entkommen. Einmal im Leben hat jeder Glück, sagte Barnek, der Zahnarzt zu ihm. Uns als Leser ist ebenfalls großes Glück beschieden, dass uns Morris Gleitzman diese zeitlos gültige Geschichte geschenkt hat. Mich erinnert sie an die jüdische Inschrift im Warschauer Ghetto: „Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint, ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre….“! |
81. Horst Günther, Hinaus, ins Freie – Von der Lust, mit Büchern zu reisen, erschienen in der Corso Verlagsgesellschaft in Hamburg, 74 Seiten exquisit gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-86260-000-7, Preis 18,90 Euro
Im letzten Jahr etabliert sich in Hamburg der Corso Verlag und publiziert literarische Finessen und ästhetische Feinkost. Über die Faszination des UnterWEGseins sinniert, fabuliert und philosophiert Horst Günther in einer Weise, das die Schuhsohlen zu brennen beginnen. Wer in die Ferne reist, am besten nicht so schnell, sondern mit menschlichem Maß, der kommt sich näher. Ist es das, was uns neben dem Weibe ewig lockt? Jene, die losziehen, sind hungrig nach anderen Bildern, Eindrücken, Gerüchen, Früchten, Farben, Sprachen und nach einer neuen Weite, um der selbst geschaffenen Enge eine Zeitlang zu entfliehen. Horst Günther ist in der Lage, dieses Sehnsuchtsverlangen mit Hilfe seiner Sprachkunst und Reiseerfahrung zu stillen. Höchst beeindruckend, wie brillant er einen Spaziergang durch Fes in Marokko schildert oder von der Aura des Katharinenklosters in der Wüste Sinai erzählt oder einen Kinobesuch in Singapur reflektiert, wo die Sitzreihen mit Menschen aus verschiedenen Sprachkulturen leicht zeitversetzt lachen, weil die Filme mehrsprachige Untertitel haben. Der Autor lädt uns ein, unbedingt langsamer zu reisen, um sich im Unterwegssein beschenken zu lassen. Er entpuppt sich als kundiger, wacher Weltbürger, der zu den Orten die passenden Geschichten aus der Weltliteratur zitiert, die als Marginaltexte glänzend layoutet sind. Darüber hinaus verwöhnt und verlockt er unsere Augen mit vortrefflich ausgewählten Bildern aus der Kunstgeschichte. Ein vibrierendes Reisen mit Büchern, ohne einen Fuß vor die Tür zu setzen. Alles in allem ein Fest für die Sinne, auch deshalb, weil bestes Papier, hervorragende Buchgestalter und Drucker am Werk waren. Gegenüber einer solchen Ausstattung muss sich das neue elektronische Medium E-Book warm anziehen. Das Motto des neuen Verlags „Willkommen Woanders“ wird nachhaltig eingelöst und schafft Vorfreude auf die nächsten Veröffentlichungen. |
82. Schirin Homeier, Barbara Siegmann-Schroth, Aktion Springseil – Ein Kinderfachbuch für Kinder, deren Eltern sich getrennt haben, erschienen im Mabuse Verlag in Frankfurt, 160 Seiten gebunden mit zahlreichen durchweg farbigen Bildern, ISBN 978-3-940529-70-1, Preis 22,90 Euro, für Menschen ab etwa 7 Jahren
Hier begegnen wir einer seltenen Spezies auf dem Büchermarkt. Die beiden Autorinnen bieten Ratgeber und Bilderbuch zugleich an. Sie wenden sich an Kinder, deren Eltern sich getrennt haben. Das Buch ist in drei Abschnitte sinnvoll unterteilt. Im ersten Teil erfahren wir in einer Bilderbuchgeschichte von Lena und Tim, wie sich deren Eltern trennen. Dann wenden sich Lena und Tim mit ihren Erfahrungen an die Leserkinder, die von einem Trennungsprozess ihrer Eltern betroffen sind. Der dritte Teil spricht die erwachsenen Leser an, um ihnen in der derartigen Lebenssituation Handlungsalternativen anzubieten. Auch wenn das Buch unverkennbar in einem sozialpädagogisch-didaktischen Rahmen verankert ist, so bleibt es auf jeder Ebene, auch den eher sachbezogenen, unmittelbar, dynamisch und vor allem erfrischend lebensnah. Besonders beeindruckt hat mich der zweite Teil. In kleinen, wirklichkeitsnahen Monatsschritten werden die Kinder mit dem eigenen wirren Gefühlshaushalt konfrontiert, der nach einer Trennungssituation wahrzunehmen ist. Was passiert mit mir, wenn das erste Besuchswochenende ansteht? Die Autorinnen geizen nicht mit konkreten Tipps: „Sage deinen Eltern, wie DU die Abholsituation haben möchtest. Überlege, was du bei Mama oder Papa gern machen möchtest.“ Oder: „Du darfst dir sicher sein: Es liegt NICHT an dir, dass sie streiten.“ Auch die peinlichen Momente werden nicht verschwiegen, wenn im vierten Monat nach der Trennung Lena wieder ins Bett macht. Auf diese Weise wird die anstrengende emotionale Achterbahnfahrt von Kindern ein ganzes Jahr lang angeschaut, begutachtet und neu wertgeschätzt. Den Autorinnen ist damit ein überaus kenntnisreiches, lebendiges und zielgruppenorientiertes Kinderfachbuch neuen Typs gelungen. |
83. Sofia Tolstaja, Lied ohne Worte, ein Hörbuch ungekürzt gelesen von Sonja Beißwenger, erschienen im Verlag Steinbach sprechende Bücher, aus dem Russischen übertragen von Ursula Keller, 4 CDs im Jewel Case für 19,99 Euro, ISBN 978-3-86974-061-4
Frauen an der Seite berühmter Männer haben bis heute mit schweren Schlagschatten zu kämpfen. Lebten sie im 19. Jahrhundert, war dieser Schatten fast nachtschwarz, denn die Frauen identifizierten sich weitgehend aus der Rolle des Mannes heraus. Eigene Berufsausbildungen gingen über die Ertüchtigung in der Hauswirtschaft kaum hinaus. Studium und Wahlrecht u.ä. Fehlanzeige. Von diesem Schicksal blieb auch Sofia Tolstaja die Frau des weltberühmten Schriftstellers Leo Tolstoi nicht verschont. Doch heimlich schrieb sie Romane, deren erster, „Eine Frage der Schuld“ in 2008, über hundert Jahre nach der Niederschrift, in Russland und etwas später auch bei uns veröffentlicht wurde. Jetzt gerade kommt dieses grandiose Hörbuch mit dem zweiten Roman der Tolstaja auf den Markt. Im Russischen liegt es noch nicht vor. Ohne Zweifel muss man auch diesem Werk weltliterarische Geltung beimessen. In geschliffener sprachlicher Schönheit erfahren wir von der Ehefrau Tolstois, wie sehr sie unter dieser Ehe gelitten hat. Ein Buch in dichter Poesie, ohne jegliche Anklage, dass sich allerdings des umfassenden ästhetischen Lebensausdrucks hingibt. In „Lied ohne Worte“ summt sie ihre Wahrheit über diese Beziehung, die durch Egozentrik und Eifersucht ihres Ehemannes geprägt war. Einzig in der Musik findet sie Halt. Dabei nimmt die Komposition Mendelsohn-Bartholdys „Lied ohne Worte“ eine Schlüsselposition ein. Mit dieser Musik im Ohr und der einzigartigen Stimme Sonja Beißwengers machen sie unvergessene Zeitreise ins Russland des 19. Jahrhunderts. |
84. Sally Nicholls, Wie man unsterblich wird, aus dem Englischen übertragen von Birgitt Kollmann, erschienen im Carl Hanser Verlag in München, 198 Seiten in Englischer Broschur, ISBN 978-3-446-23047-7, Preis 12,90 Euro, für Menschen ab 11 Jahre
Dieses Buch regt die Tränenproduktion an. Nicht nur jene, die von der Trauer verursacht werden, sondern auch solche, die der Humor anstößt. Sam ist lebensgefährlich an Leukämie erkrankt und muss immer wieder ins Krankenhaus, um mit der Chemo neu eingestellt zu werden. Bei einem diesem Besuche lernt er Felix kennen, dessen Leben noch mehr auf des Messers Schneide steht. Beide gehen mit einer entscheidungsfreudigen Klarheit auf ihr irdisches Finale zu, wenn ich nur an deren Liste Nr. 3 denke, wo sie ungewöhnliche Wünsche auflisten, die sie unbedingt noch realisieren möchten. Z.B. Horrorfilme anschauen, die nur für Erwachsene sind oder mit einem Luftschiff fahren oder irgendeinen blöden Weltrekord aufstellen. Die praktische Umsetzung spendet ihnen im wahrsten Wortsinne Leben. Bis Felix wenige Wochen später wirklich im Sterben liegt. Sam hat es geahnt, jetzt ist es eben so weit. Ohne Scheu besucht er ihn im Krankenhaus und setzt sich an sein Bett. Felix Augen sind geschlossen. Er ist im Koma, sagen die Ärzte. Für einen Moment ist Sam allein mit ihm. Er weiß nicht, was er sprechen soll. Mehr als ein Hallo kommt nicht über seine Lippen. Unversehens rutschen seine Turnschuhsohlen geräuschvoll über den Boden. Stumm öffnet Felix öffnet die Augen und lächelt knapp aber deutlich von einem Mundwinkel zum anderen. Dann atmet er aus. Sam spürt es und kann dennoch niemanden rufen. Still bleibt er auf dem schwarzen Krankenhausstuhl sitzen. In der drauffolgenden Nacht schläft er kaum. Bald lassen auch seine Kräfte nach und sein Vater scheint endlich zu akzeptieren, dass Sams Ende naht, was eine bisher nie erlebte Zärtlichkeit zwischen den beiden freisetzt. Ein Buch mit ganz vielen Fragen an das Leben, auch den unbequemen. Allerdings so formuliert, dass stets ein Hauch des Schelmischen wahrzunehmen ist. Sally Nicholls schreibt es mit 23 Jahren und zeigt, das Leben und Sterben offenbar denselben Quellgrund hat. Auch das Schwere hat komische Facetten und wir dürfen ihm durchaus leichtsinnig begegnen. Halten wir die Augen auf, dass wir die Sams in unserer Umgebung entdecken, die tatsächlich etwas zu unserer eigenen Lebenskunst beitragen können. |
85. Katja Brandis, Hans-Peter Ziemek, Ruf der Tiefe, Roman, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg, 416 Seiten gebunden, ISBN 978-3-407-81082-3, Preis 16,95 Euro, für Menschen ab 13 bis 113 Jahre
Vieles auf der Erde haben wir erforscht. Geheimnisvoll bleiben die Tiefen unserer Ozeane, weil der filigrane Luftatmer Mensch sie nicht persönlich in Augenschein nehmen kann. Das Autorenpaar Brandis (sie Schriftstellerin) und Ziemek (er Biologieprofessor), beide leidenschaftliche Taucher, schaffen mit einem Hauch von Science Fiktion Abhilfe und nehmen uns mit auf die Reise in die Dunkelheit unserer Weltmeere. An der Seite des talentierten 16jährigen Leon, der es im Flüssigkeitsatmen ( daran forscht die NASA seit 40 Jahren und im Jahr 2000 wurde in der Berliner Charité ein schwer Lungenkranker mit Flüssigkeitsatmung operiert, außerdem haben wir alle im Mutterleib nichts anderes gemacht ) unter Wasser geradezu perfekt ist, lernen wir die faszinierende Welt der Tiefsee kennen. Sie birgt viele Möglichkeiten, auch jene, die heftigen Energieprobleme unseres Planeten z.B. mit vulkanischer Energie vom Meeresboden zu lösen. Leon gehört zum Team von ARAC, einem renditehungrigen Konzern, der auf diesem Sektor eine Pionierrolle einnimmt und den Umweltschutz eher nachrangig betrachtet. Die Katastrophe lässt nicht lange auf sich warten. Parallelen zum verheerenden Brand auf der Ölbohrinsel „Deepwater Horizon“ im April 2010 im Golf von Mexiko sind naheliegend und nicht zufällig. Leons Liebe zur Tiefsee und ihren Bewohnern, besonders zur Krake Lucy, treibt ihn an, diesen Umweltskandal ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Carima, eine Tauchtouristin, versteht in besonderer Weise sein Anliegen und setzt über Wasser alle Hebel in Bewegung. Der Roman spielt im Jahr 2018, also in naher Zukunft, die sich schon jetzt vor unseren Augen vollzieht. Das ungewöhnliche Autorenduo hat den Meerestiefen einen atemberaubenden Stoff abgelauscht. Selbst die wasserscheuen Wesen unter uns werden sich diesem dramatischen Kino im Kopf nicht entziehen können. Also abtauchen! |
86. Franz Kafka, Kafka, mit Bildern von Stefanie Harjes, erschienen im Ravensburger Buchverlag, 128 Seiten gebunden, ISBN 978-3-473-35308-8, Preis 14,95 € für Menschen ab 16 Jahre
Wer liest, dem stellt sich Kafka bald in den Weg. Womöglich als Hindernis, Weckruf, Markierung oder als handfeste Erschütterung. Kafkas Texte entziehen sich jeder bekannten Form. Er schuf eine neue, weil er mit Fragmenten, Bedeutungen, Verfremdungen und Verwirrungen arbeitete. Können Bilder einer zeitgenössischen Künstlerin den Dialog mit diesen wortmächtigen Texten aufnehmen? Stefanie Harjes versuchte es, ging ohne Faden
in das kafkaeske Labyrinth, verlor sich, verwandelte sich wie Gregor Samsa und hinterließ uns Bilder von eindringlicher Dynamik und faszinierender Tiefe. Der Schlüssel zu diesen Bildern liegt in uns, wenn wir die Anstrengung nicht scheuen. Oder wie singt es André Heller unnachahmlich treffend: „Die wahren Abenteuer sind im Kopf und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo!“ Kafka und Harjes teilen das Schicksal des Grenzgängers. Nur wer das Fremde im Eigenen findet, ist zu solchen Texten und Bildern fähig. In den Worten Kafkas: „Verkehr mit Menschen verführt zur Selbstbeobachtung“. Stefanie Harjes lässt uns dazu auf einer Doppelseite in die verführenden Bilderspiegel schauen. Ein mutiges, zeitloses
Buchprojekt! |
87. Emmanuel Dongala, Gruppenfoto am Ufer des Flusses, aus dem Französischen übertragen von Giovanna Waeckerlin-Induni, erschienen im Peter Hammer Verlag, 342 Seiten gebunden ISBN 978-3-7795-314-9. Preis 22 €
Noch hat der Widerstand kein Gesicht, wenn wir auf das Cover schauen. Eine Handvoll Frauen verdingen sich als Steineklopferinnen. Aus großen Brocken werden mit dem Hammer kleine gemacht, passend für den Straßenbau. Sackweise verkaufen sie ihre Produkte und verdienen im wahrsten Wortsinne wenig Schotter. Als sie erfahren, dass der Flughafenneubau die Steinpreise nach oben treibt und nur sie leer ausgehen, erwacht in ihnen der Funke der Rebellion. Obwohl in Herkunft, Alter, Bildung und Sozialisation grundverschieden, entwickeln diese Frauen gemeinsam eine solidarische Ebene der äußersten Konfliktbereitschaft und des handfesten Streits. Sie fordern einen höheren Preis, gehen aufrecht in einen Arbeitskampf, dessen Form und Struktur ihnen unbekannt ist, und demonstrieren eine ungewöhnliche, fantasievolle Courage. Mit ihrer Zähigkeit, ihrer humorvollen Geistesgegenwart und der Kraft ihrer Gruppe setzen sie tatsächlich ihren neuen Marktpreis durch und kämpfen letztendlich für ihre Würde. Selten habe ich einen politischen Roman gelesen, der mit soviel Leichtigkeit und Charme daherkommt. |
88. Salah Naoura, Matti und Sami und die drei größten Irrtümer des Universums, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim, 144 Seiten gebunden. ISBN 978-3-407.79438-3 Preis 12,95 Euro, für Menschen ab 9 Jahre
Es beginnt mit einem harmlosen Aprilscherz. Vergeblich wartet Matti mit seiner Familie darauf, dass der Delfin aus dem Duisburger Zoo endlich im großen Stadtgartenteich ankommt. Wenige Tage später kommt heraus, dass seine Mutter, entgegen ihrer Behauptung, bisher nie für gefährdete Tiere spendete. Matti merkt alsbald, dass Erwachsene nicht geradeheraus reden, sondern schnörkelig, umschreibend, ironisierend, übertreibend, rhetorisch und bisweilen flunkernd. Als endlich mal Papas Bruder aus Finnland zu Gast ist, steigern sich die beiden Männer in eine wilde Angeberei hinein. Matti nimmt es für bare Münze, dass sein Papa den Busfahrer Job leid ist und seine Computertüfteleien nun so erfolgreich sind, das ein komfortabler Hauskauf in der Schweiz ansteht. Über einen Schulaufsatz erfährt es Mattis ganze Klasse. Tage später stellt sich das alles als Seifenblase heraus und Matti schämt sich, zurück zu rudern und die Wahrheit zu verkünden. Er greift zur Notlüge und verstrickt sich immer mehr darin. Hat das neue noch so kleine Lügengebäude erst mal ein Fundament, muss tüchtig und einfallsreich weiter gebaut werden, damit es nicht zusammenstürzt. Das gelingt Matti mit großem Einfallsreichtum und erheblichen Konsequenzen für die Familie. Dennoch leuchtet im Finale der Himmel über allen strahlend hell auf. Der Autor präsentiert uns eine rasante Geschichte, die die Lügen weder verherrlicht noch bewertet. Kein Leser wird in Mattis Spuren wandeln wollen. Wer lügt, braucht viel Fantasie, die einem über den Kopf wachsen kann. Wer die Wahrheit sagt, braucht Fantasie und Mut, um sie auszuhalten und durchzutragen. Die Lüge als offenkundige, alltägliche Zwischenmenschlichkeit kommt hier umwerfend unterhaltsam und in kecker Sprache ausführlich ins Scheinwerferlicht! |
89. Alain Serres, Bruno Heitz, Wie du deinen Eltern beibringst, Kinderbücher zu lieben, aus dem Französischen übertragen von Tobias Scheffel, erschienen im Verlag Antje Kunstmann, München, 60 Seiten gebunden mit durchgehend vierfarbigen Bildern, ISBN 978-3-88807-710-7, Preis 12 Euro, für Menschen ab 6 Jahre
Alles andere als selbstverständlich, Kinderbücher in jeder jungen Familie anzutreffen. Zu viele versagen dem Nachwuchs unsere herausragenden Kulturtechniken, die des Lesens und Schreibens. Öffnen wir ein Buch, begehrt die Fantasie Einlass, werden wir mit Welterfahrungen sympathisch konfrontiert. Der Autor Serres und der Bildkünstler Heitz zeigen den Büchermuffeln, wo es lang geht. Folgende Originalzitate sind pointiert, durch die Bilder noch viel mehr: „Wenn deine Eltern von einer Reise ganz weit weg auf eine sonnige Insel träumen…sie aber mehr Kleingeld als Scheine haben: dann setz ihnen einen Sonnenhut auf und führ sie in die schönste Buchhandlung.“ An alle Eventualitäten ist gedacht wenn es humorvoll heißt: „Wenn deine Eltern Angst haben, ohne Vorwarnung auf das Bild eines nackten Pimmels zu stoßen….dann antworte ihnen, dass es Pimmel sogar im echten Leben geben soll! Und das gewisse Väter auch einen haben!“ Köstlich und direkt auch das letzte Beispiel aus dem Buch: „ Wenn deine Eltern am Sonntagvormittag ewig im Bett herumliegen, statt dir die Bilderbücher vorzulesen, die du schon am Vorabend zurechtgelegt hast…dann sag ihnen, dass auch in Büchern geschmust und gekuschelt wird.“ Wie wahr! Wird ein Kind geboren, gehört dieses Buch auf den Gabentisch. |
90. Alex Capus, Léon und Louise, Roman, erschienen als Hörbuch/Audio CD, gelesen von Ulrich Noethen, im Verlag Der Hörverlag, ISBN 978-3-86717-698-9 zum unverbindl. Preis von 19,95 Euro und als Buch im Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-23630-1 zum festen Ladenpreis von 19,90 Euro
Ende des 1. Weltkriegs begegnen sich Léon und Louise als junge Erwachsene zum ersten Mal in der französischen Provinz. Hingerissen von ihr, erwidert sie bald sein Werben, immer noch von feiner Scheu durchzogen. Louise arbeitet als Gehilfin beim Bürgermeister und genießt rasch höchstes Ansehen in der Umgebung, weil sie auf unnachahmliche Weise den Familien in der Heimat die Nachricht vom Tod ihrer Söhne und Väter an der Front überbringt. Doch der Krieg rückt auch gegen dieses Dorf vor und ein Granatenbeschuss trennt die beiden jäh. Lange sucht Léon seine Louise, bis er sie 10 Jahre später in der Pariser Métro plötzlich und unvermittelt sieht und später trifft. Da Léon inzwischen mit Yvonne in einer Familie mit mehreren eigenen Kindern lebt, entwickelt sich eine pikante Dreierbeziehung. Die auch dann weiter geht, als es Louise als Bankangestellte mitten im 2. Weltkrieg zwecks eines Goldtransports der französischen Nationalbank nach Afrika verschlägt. Alex Capus verwebt eine leidenschaftliche Liebesgeschichte mit der internationalen Leidensgeschichte der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Wir profitieren von seiner unnachahmlichen Recherchekunst, von der leichtfüßigen Akribie mit der er das kleine Schicksal im Großen zum Leuchten bringt. Bewegend ist jene Szene, wo wir wiederum Jahre später dem Requiem für den Großvater Léon in Notre Dame beiwohnen. Dem offenen Sarg nähert sich eine alte Frau tippelnd aber in Würde. Sie küsst die Stirn des Toten, lässt 2x eine Fahrradklingel ertönen, bevor diese im Sarg verschwindet – die Abschiedsgeste der unglaublichen Louise. |
91. Robert Bolano, Lumpenroman, Roman, aus dem Spanischen übertragen von Christian Hansen, erschienen im Carl Hanser Verlag, München, 110 Seiten gebunden, ISBN 978-3-446-23546-5 Preis 14,90 Euro
Vor knapp acht Jahren starb dieser chilenische Dichter in Barcelona. Noch zu seinen Lebzeiten erschien der Lumpenroman als sein letzter. Die grandiose Meisterschaft dieses Autors ist in jedem Satz zu spüren. Jedes Wort sitzt und öffnet einen weiten differenzierten Bedeutungs- und Erfahrungsraum. Uns begegnet eine knappe Handlung. Die jugendliche Ich-Erzählerin und ihr noch jüngerer Bruder haben bei einem Autounfall in Kalabrien ihre Eltern verloren. Mühselig leben sie in einer kleinen Wohnung in Rom von der Waisenrente. Bald schmeißen sie die Schule und hängen nur noch vorm Fernseher ab, wo sie den Quiz-Shows frönen, die die Langeweile vertreiben sollen. Reicht die TV Unterhaltung nicht aus, besorgt der Junge Videos, die alsbald nur noch Pornos sind. Wochen später tauchen ein Bologneser und ein Libyer auf, die der Bruder flüchtig aus dem Fitnessstudio kennt. Wie selbstverständlich lassen sie sich in der Wohnung nieder, führen allerdings akkurat den Haushalt und avancieren rasch zu den Freiern des Mädchens. Die Vier versumpfen in ihrem Alltag und überschreiten den kriminellen Rubikon, als das Mädchen einen heiklen Plan erhält. Sie soll zur Liebesdienerin des Maciste werden. Ein kantiger Riese, der in grauer Vorzeit Weltmeister der Bodybuilder war . Erblindet, lebt er in einer großer Villa, wo ein Safe vermutet wird. Das Liebesspiel endet erst, wenn das Mädchen den Geldschatz entdeckt hat. Alles gewöhnlich, wir wissen um unsere abgründige Realität, gezeichnet von Heimatlosigkeit, Ohnmacht, schlüpfriger Gewalt, obsessivem Lebensstil, leiser schauriger Verachtung und sexueller Ausbeutung. Doch Bolano erzählt so, dass wir unmittelbar zu Augen- oder/und Ohrenzeugen werden. Fiktion und Realität verschmelzen. Eine Sprachkraft, die aufreißt, erschüttert, total bewegt. Ein Blitzschlag für unser Gemüt. |
92. Veronika Baum & Geli Schmaus, Bühne frei – Ein Tag am Theater, erschienen im Horncastle Verlag in München, 188 Seiten gebunden im großen Querformat mit durchgehend vierfarbigen Fotos von Thomas Dashuber und 2 Audio CDs, ISBN 978-3-938822-28-9 Preis 24,95 Euro, für Menschen ab 8 Jahre
Kennen Sie Einlaufzettel? Denken Sie nicht sofort an einen Schreibfehler, weil es Einkaufzettel heißen soll oder an die Platzierung der Pferde bei einer Wette auf dem Rennplatz? Wissen Sie, welche Aufgaben ein Inspizient so zu erledigen hat? Oder ein Abendspielleiter? Gibt es etwa auch einen Morgenspielleiter wegen der allseits gesuchten Ausgewogenheit? Dieses Buch führt uns faszinierend auf zwei Wegen durch das Theaterleben von heute. Wählen wir zunächst den uns vertrauten. Wir betreten das Theater durch den Vordereingang und haben es zu tun mit der Kasse, der Garderobe und den Platzanweisern.
Weitgehend unbekannt sind uns die Funktionen von Ton- und Lichtregie, die ihr Zuhause hinten im Zuschauerraum haben. Völlig fremd sind uns die Bereiche die sich hinter dem Vorgang, bzw. sogar hinter, oben und unter der Bühne abspielen, die grandiose Aufführungen überhaupt erst ermöglichen. Zu diesem Zweck drehen wir tatsächlich das Buch um und wenden uns dem Hintereingang zu. Da begegnen wir dem Pförtner mit besagtem Einlaufzettel und wir gelangen in die wahrlich weiten Räume der handwerklich-künstlerischen Welt und stellen fest, dass neben den Schauspielern viele Begabungen, Talente, fingerfertiges Geschick gepaart mit technischem Sachverstand nötig sind, um auf der Bühne die handgreifliche Illusion von Wirklichkeit zu schaffen. Dieses Buch antwortet uns aus der Perspektive der jungen Generation, präsentiert den optischen Nachvollzug aufgrund von exzellenter Fotostrecke und liefert zudem zwei Audio CDs, die auch diesen Sinneseindruck nicht zu kurz kommen lassen. Besser kann einer der Dreh- und Angelpunkte unseres kulturellen Lebens nicht nahegebracht werden. |
93. Dirk Schmidt & Barbara Schmidt, Kamfu mir helfen?, erschienen im Antje Kunstmann Verlag, München, 32 Seiten gebunden mit durchgehend vierfarbigen Bildern von Dirk Schmidt, ISBN 978-3-88897-568-4 Preis 14,90 Euro, für Menschen ab 4 Jahre
Wer schnell läuft, lebt risikoreich. Der Elefant stürzt. Der Rüssel ist krumm. Allein kriegt er die Angelegenheit nicht gerade gebogen. Außerdem hat seine Stimme gelitten. „Kamfu mir helfen?“, fragt er den Ameisenbär. Doch die Kur mit dem kühlenden Wasser bleibt erfolglos.
Vielleicht bringt das Schwein ihm Glück? Die Therapie klingt schlüssig: „Komm, wir rülpsen jetzt im Chor! Ich rülps den Bass, du den Tenor“. Das traurige Resultat klingt beim Elefanten so: „Fnief, mein Rüssel if noch immer fief.“ Jetzt kann es nur noch die Fliege richten. „Na, klar, du kannst mir voll vertraun. Lass mich in deinen Rüssel schaun!“ Sie krabbelt hoch, die Taschenlampe spendet Licht. Da kribbelts dem Elefanten in der Nase. Wen wunderts, dass er laut und heftig niesen muss. Die Fliege ist wieder draußen. Der Rüssel des Elefanten wieder intakt. Doch die Fliege ist bekümmert: „Mein Rüffel if ja gamferknickt!“ Auch therapeutisches Tun ist ein Wagnis höchsten Grades. Die Geschichte entfaltet ihren Reiz, wenn die Reime laut und nasal intoniert vorgelesen werden. Dem verknickten Rüssel entweicht ein Buchstabensalat, der alle Zuhörenden zum Lachen bringt. Die Bilder von Dirk Schmidt arbeiten mit plakativen Akzenten, pointierten Farben, versprühen eine willkommene Leichtigkeit und illustrieren die Geschichte vortrefflich. |
94. Ströer Bros., Das MusikHörBuch – Vom passiven zum aktiven Musikgenuss, erschienen im Schott Verlag in Mainz, 214 Seiten in Englischer Klappenbroschur, ISBN 978-3-7957-0183-3 Preis 14,95 Euro
Meistens kommen wir mit funktionstüchtigen Ohren auf die Welt. Doch das Hören will gelernt sein. Besonders das differenzierte, abgestufte Hören, weil dieses Sinnesorgan einfach nicht ruht. Ein Donnergrollen des Nachts und wir sind wach. Wollen wir Ruhe, müssen wir die Stille aufsuchen. Das Hören ist die erste konkrete Sinnestätigkeit des Fötus im Mutterleib und im Sterben schließen sich zuletzt die Ohren. Insofern leisten die beiden Autoren einen großen Dienst, wenn sie uns an den intensiven Musikgenuss heran führen wollen. Sie weisen darauf hin, dass Musik vor allem dosiert werden muss. Sie machen uns bewusst, in welcher Körperhaltung wir am besten genießen können. Sie führen uns ein in Musikgenres, damit unsere Erwartungen nicht enttäuscht werden. Filmmusik getrennt vom Film zu hören ist ganz anders als mit dem Film vor Augen. Sie geben eine kleine Einführung in das Musikmachen und liefern uns Werkzeuge, um Musik genauer zu erkennen. So wie unsere Faszination wächst, wenn wir dem Auge etwas heran zoomen, verhält es sich auch mit dem Ohr. Keck marschieren sie mit uns durch die wesentlichen Musikepochen und präsentieren uns eine exzellente Diskografie, damit wir das Gesagte auch hörend lernen und aufnehmen können.
Und im Anhang ist noch ein wichtiger Schlussakkord zu finden, wenn die Autoren feststellen, dass die Mehrzahl der Menschen meinen unmusikalisch zu sein, was faktisch einfach nicht stimmt. In der italienischen und französischen Sprache existiert z.B. gar kein Pendant zum deutschen Wort „unmusikalisch“, das manche Zeitgenossen fast als ein Charakterdefizit einschätzen. Musikalisch ist jeder. Es gilt, den passenden Ausdruck zu finden. Über manche dissonante Singstimme würden sich die Komponisten der Neuen Musik freuen. |
95. Hartmut El Kurdi, Ritter, Räuber. Spökenkieker – Die besten Sagen aus dem Ruhrgebiet, ausgewählt von Dirk Sondermann, 144 Seiten gebunden mit Vignetten von Gert Albrecht, ISBN 978-3-7941-8100-1 Preis 12,90 Euro, für Menschen ab 13 Jahre
Wo es Burgen, Schlösser, Verließe, Höhlen, dichte Wälder, erstaunliche Schluchten und Sumpfgebiete gibt, da wabern auch die Sagen. Natürlich hat das Ruhrgebiet dieses literarische Genre aufzuweisen. Dirk Sondermann ist ein geübter und erfolgreicher Sagenforscher und -sammler. Seine Texte bildeten die Grundlage für El Kurdi, der sie gnadenlos temporeich, spritzig und pointiert neu erzählte. Mit diesen Geschichten durchqueren wir das ganze Ruhrgebiet von Ost nach West und Nord nach Süd. Natürlich haben wir es mit schwarzen Katzen und Bierbäuchen zu tun und wir erfahren, dass kein Geringerer als ein Schweinehirte die Kohle entdeckt hat. Es fehlen auch nicht die echten Knieschlottergeschichten wie z.B. jene vom Zwergenkönig Goldemar auf Burg Hardenstein, deren Überreste wir heute noch besuchen können. Spannung auf Augenhöhe mit den heutigen Horrorfilmen. Und endlich lesen wir die schlüssige Erklärung, warum der Teufel einen Pferdefuß hat.
Als Amateur-Spökenkieker wussten wir das schon lange. Ein kleines, feines, sagenhaft unterhaltsames Buch. Wer auf der Route der Industriekultur ist, sollte es stets im Gepäck haben. |
96. Mariam Kühsel-Hussaini, Gott im Reiskorn, Verlag Berlin University Press, Roman, 316 Seiten gebunden mit SU, ISBN 978-3-940432-88-2 Preis 22,90 Euro
Wirkliche Begegnungen zwischen Orient und Okzident gehören zu den Höhepunkten unserer Kulturgeschichte. Diese junge, hochbegabte Autorin mit ihrem Romandebüt, Enkelin des großen afghanischen Kalligraphen Sayed Da’du Hussaini, enger Freund und Berater des letzten Königs vor der sowjetischen Besatzung, fügt einen poetisch brillanten hinzu. Sowohl als Huldigung an die energetische Sprache ihres deutschen Exils als auch an den erhabenen, gleichwohl versunkenen Glanz eines inzwischen zerstörten Kabuls. Die Autorin schöpft lustvoll aus dem Wohl und Wehe ihrer Familie, deren 33 Generationen zuvor bis unmittelbar in den Lebenskreis des Propheten Mohammeds reichen. Differenziert, nie artifiziell, schildert sie Stimmungen und Gefühlsskalen, sodass manche Sätze mehrfach gelesen werden wollen, damit sich das Aroma dieser Sprachkunst entfaltet. Ihr Großvater verewigte seine Schreibkunst auch auf Reiskörnern. Eines, geschmückt mit einer Koransure, schickte er vor über 75 Jahren in die Staatskanzlei Hitlers. Als Antwort kam dürrer, diplomatischer Dank. Jahrzehnte später schicken wir deutschen Soldaten zum Hindukusch, weil dort angeblich unsere Freiheit auf dem Spiel steht. Von einer Freiheit, die diesen Namen verdient, ist hier zu lesen. Jetzt wird deutlich, wo nationalistisches Denken enden muss, damit sich die solidarische Intelligenz der Völker ausbreiten kann. |
97. Thomas Montasser, Peer vom Meer, erschienen im Boje Verlag in Köln, 66 Seiten gebunden mit s/w Zeichnungen, ISBN 978-3-414-82278-9, Preis 8,99 Euro, für Menschen ab 8 Jahre
Sechs Inseln, in der Nordsee auch Halligen genannt, äußerst dünn besiedelt, bilden die Kulisse. Mit Mama, Papa und Opa bewohnt Peer eine davon. Dort steht auch der Leuchtturm, der in Peers Obhut liegt. Hier liegt er bisweilen in einer Hängematte aus alten Fischernetzen und wundert sich, wie mürrisch seine Familie und alle anderen Inselbewohner doch sind. Änderung tut not. Die Idee liegt am Strand. Dort sammelt er alte Flaschen, um den Insulanern seine Dienste als Flaschenpostbote anzubieten. Bis auf die interessierte 5jährige Lena, winken alle eher gelangweilt ab. Sie vertraut ihm ihr Geheimnis von einer angeblich siebten Insel an. Eingedenk dieser schnöden Ablehnung, droht Peer so mürrisch zu werden wie die andern. Wochenlang hockt er auf seinem Leuchtturm, ratlos und eingeschüchtert, bis eine neue Initiative in ihm wächst. Er selbst fertigt nun unterhaltsame Flaschenpostsendungen für die unterschiedlichen Typen auf den anderen Inseln ab und schickt sie auf die Wasserreise. Lange passiert nichts. Doch eines Tages entdeckt er am Strand eine an ihn adressierte Flaschenpost, allerdings ohne Absender. Darin findet er die Geschichte vom Geheimnis der siebten Insel. Klar, sofort denkt er an Lena. Sie rückt weiter in seinen Focus, als bei schwerer See Männer von der Nachbarinsel auftauchen und davon erzählen, dass sie verzweifelt nach Lena suchen. Während Peers Eltern den durchnässten Männern Obdach bieten, sticht er heimlich in die sturmgepeitschte See. Intuitiv nimmt er Kurs auf die siebte Insel, entdeckt sie und in der Nähe die gekenterte und völlig entkräftete Lena. Mit letzter Kraft bringt er sie nach Hause. Tage später kann er sich vor Flaschenpost nicht retten. Die schweigsamen Insulaner feiern ihn als unerschrockenen Helden. Eine kleine Geschichte mit großem Tiefgang, die zeigt, wie Entschlusskraft und das Wittern von Geheimnissen Wellen schlagen können. |
98. Barry Jonsberg, Ein knochenharter Job oder wie ich half, Gott zu retten, aus dem Englischen übertragen von Alexa Hennig von Lange, erschienen im Verlag Friedrich Oetinger in Hamburg, 150 Seiten gebunden, ISBN 978-3-7891-3919-2, Preis 12 Euro, für Menschen ab 10 Jahre
Alles fängt an mit einem ekelhaften Haufen, hinterlassen von Blacky, einem besonders feisten Hund. Marcus wird von ihm nicht nur aus dem Schlaf gerissen, sondern auch mit menschlicher Stimme, die kein anderer versteht, angesprochen. Blackys Botschaft kommt eindeutig und duldet keinen Widerspruch. Gott, in Gestalt eines bärtigen Leguans, ist in Gefahr. In einer bestimmten Wüstengegend Australiens wird er von Menschen vertrieben. Überhaupt liest Blacky, dem Marcus, stellvertretend für alle Menschen, gehörig die Leviten, weil wir Tiere und Pflanzen in großem Maßstab ausrotten. Dennoch ist er auserwählt, den Leguan zu befreien, der in einer Tierhandlung sein Dasein fristet. Nicht so problematisch, wenn man 250 Dollar und die schriftliche Erlaubnis der Eltern hat. Doch diese Rettungsaktion ist nicht so ohne, das kann auch sein unerschrockener und etwas merkwürdiger Klassenkumpel Dylan nicht ändern, der an seiner Seite steht. Als die Kaufaktion in der Tierhandlung scheitert, geben die beiden Jungen nicht auf. Das beeindruckt Blacky, der sie ausgerechnet zur Schule von Rose, der Schwester von Marcus, führt. Der dortige Biolehrer hat den Leguan erworben, um seinen Unterricht anschaulicher zu machen. Jetzt reift ein kühner Plan, der Marcus ermächtigen könnte, seiner rotzfrechen, älteren Schwester eins auszuwischen. Zuhause demütigt sie ihn andauernd, was darin gipfelt, dass sie seinen Kopf in die Toilettenschüssel presst und die Spülung zieht. Doch eine große Theateraufführung in der Schule steht an, wo Rose eine Hauptrolle spielt. Somit wird der Bioraum mit dem Leguan absolut unbewacht sein, weil alle in der Aula versammelt sind. Das Finale wird nicht verraten, wie Marcus und Dylan alle Register ihrer Einfälle ziehen. Ein Buch mit spritzigen, aufmüpfigen Dialogen, rasanten Szenenwechseln und einem echten, dramatischen Höhepunkt am Schluss. Einen solchen Leguan, gottähnlich wie alle Wesenheiten, kann jeder retten. Aber couragiertes Umweltengagement braucht keine spektakuläre Aktion, sondern nur die wache Tatkraft eines jeden. |
99. Anthony Read, Die Baker Street Boys – Die Jagd auf den Drachen Band 4, aus dem Englischen übertragen von Eva Riekert, erschienen im Verlag Freies Geistesleben in Stuttgart, 168 Seiten gebunden mit s/w Illustrationen von David Frankland, ISBN 978-3-7725-2154-6, Preis 9,90 Euro, für Menschen ab 9 Jahren
Vor gut 100 Jahren entstand aus der Feder von Sir Anthony C. Doyle der inzwischen legendäre Sherlock Holmes. Seit den Abenteuern rund um die Baker Street Boys wissen wir, dass er allein gar nicht so erfolgreich sein konnte. Er brauchte dieses pfiffige Jungvolk um Wiggins, Beaver, Shiner, Sparrer & Co. Hinter und mit den Boys arbeiten konspirativ und äußerst umsichtig auch drei Girls, nämlich Queenie, Gertie und Rosie. In diesem vorliegenden vierten Fall verschwinden nacheinander die Blumenmädchen von Covent Garden. Allen voran
Lily, die beste Freundin von Rosie. Als diese nicht mehr im Headquarter auftaucht, läuten alle Alarmglocken. Die Jungdetektive sind zunächst auf sich allein gestellt, weil Sherlock Holmes mit Dr. Watson in einer anderen wichtigen Mission unterwegs ist. Alle Spuren der Blumenmädchen scheinen verwischt, bis das Tablett von Lily gefunden und Sparrer von den chinesischen Akrobaten im Zirkus einen aufschlussreichen Tipp bekommt. Eine atemberaubende Verfolgungsjagd setzt ein, die sie nach Limehouse, dem früheren Chinatown von London, und in die Docks an der Themse führt. List, Wagemut, scharfe Beobachtungsgabe, gepflegter Spürsinn und juvenile Unerschrockenheit bringen sie dem Ziel näher. Das Team der Baker Street Boys flößt Respekt ein. Anthony Read hat den Stoff sprachlich so raffiniert verdichtet, dass wir Leser uns als unsichtbaren Teil dieses Sherlock Holmes Nachwuchses erleben können. Eine Kinderkrimireihe der Güteklasse, die bereits 6 Bände umfasst! |
100. Sylvia Heinlein, Mittwochtage oder „Nichts wie weg!“, sagt Tante Hulda, erschienen im Gerstenberg Verlag in Hildesheim, 128 Seiten gebunden mit zahlreichen s/w Illustrationen von Anke Kuhl, ISBN 978-3-8369-5276-7, Preis 12,95 Euro, für Menschen zwischen 9 und 99 Jahren
Wer ist normal? Wer ist verrückt? Kommt auf die Perspektive an. Für Sara ist Tante Hulda normal und total interessant. Für Liane, Saras Mutter, Modedesignerin und Schwester von Hulda ist sie anstrengend und immer wieder peinlich. Und Saras Vater schüttelt eigentlich nur den Kopf, wenn er mal nicht am PC arbeitet, telefoniert oder Zeitung liest. Mittwochs darf Sara Hulda in ihrer Wohngemeinschaft mit dem großen Garten besuchen, dann ist die Welt in Ordnung. Das macht sie viel lieber als Ponyreiten oder Tennis spielen.
Weil Hulda für Saras Mutter zur Last wird und ihre Tochter einen anderen Umgang haben soll, sucht sie eine neue Bleibe für ihre Schwester jwd auf dem Lande. Jetzt sind Sara und Hulda in Not. Sie wollen weiter einander begegnen, plündern spontan ihre Spardosen und fliehen. Ziel ist die Stadt, wo Ilse, die frühere Krankenschwester von Hulda, lebt. Bevor die auftaucht, erhalten die beiden Asyl bei den Obdachlosen und Punks. Ein Ort, wo Hulda sich wohlfühlt, weil sie noch mehr Freiheit schmeckt. Doch, wie wird dieses Abenteuer ausgehen, wenn die von Sorgen aufgelöste Mutter von Sara eintrifft? Wo wird Hulda wirklich landen?
Hat Sara über die Stränge geschlagen. Alles ist relativ, auch unser Verhaltensrepertoire.
Wer definiert, was gewissen Anstandsregeln entspricht? Wo fängt wirkliche Peinlichkeit und Scham an? Diese starke, überzeugende Geschichte löst wichtige Fragen zur Selbstreflexion für alle Altersgruppen aus. Und der ihr innewohnende Humor trägt dazu, diesen Fragen nicht auszuweichen. |
101. Xavier Deneux, Mein allererstes Bildwörterbuch, erschienen bei Bloomsbury Berlin, 60 Seiten im gebundenen Pappbilderbuch mit einer Trageschlaufe am Buchrücken, ISBN 978-3-8270-5445-6, Preis 15,90, für Menschen ab 18 Monate
Die Ferien mit langen Auto- oder Bahnfahrten stehen an. In solchen Situationen können auch kleine Kinder sich bereits mit ersten Büchern beschäftigen. Hervorragend geeignet ist dieses Pappbilderbuch aus Frankreich. Helle, leuchtend warme Farben mit klaren prägnanten Formen kommen uns entgegen. An der Hand von Max und Lili lernen wir ihr Haus kennen. Darinnen die Küche und den Esstisch mit den wichtigsten Utensilien, das Badezimmer mit der selbstverständlichen Zahnbürste, dem Pflaster, dem Töpfchen u.v.m. Wir streifen das Kinderzimmer mit dem notwendigen Kuscheltier und der Spielzeugflotte vom Teddybär über den Roboter bis zur Holzeisenbahn. Die Geschmäcker sind halt verschieden. Auch die Handwerksklamotten von Max kommen zur Geltung. Wir verlassen das Haus, gehen nach draußen, achten auf die grüne Ampel, erreichen den Bahnhof, machen einen fixen Ausflug ins All, landen danach im Garten, begrüßen den Maulwurf und erleben den Einsatz der Feuerwehr. Das Element Wasser präsentiert sich mit der Bootsfahrt, dem Besuch im Freibad und dem Sonnentag am Strand. Zu guter Letzt zeigt sich der Wald von seiner geheimnisvollen Seite mit den unterschiedlichen heimischen Tieren. Und im Finale begegnen wir der Tierwelt auf dem Bauernhof, in der Unterwasserwelt und selbstredend im Zoo. Markante Orte und Lebenswelten eines kleinen Kindes treten eindrucksvoll vor unser Auge. Rasch werden die Kinder dieses Bildwörterbuch in ihr Herz schließen. |
102. Wolfhard Klein, Mausetod – Die Kulturgeschichte der Mausefalle, erschienen im Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt/Mainz, 204 Seiten gebunden mit Flexcover und Lesebändchen sowie 66 farbigen und 62 s/w Bildern, ISBN 978-3-8053-4319-0, Preis 19,90 Euro
Sofort dachte ich an John Steinbecks Erzählklassiker „Von Mäusen und Menschen“, als ich dieses längst überfällige Buch durchblätterte. Von mausgrauer Lektüre nicht die Spur. Schon nach wenigen Zeilen ist der Leser gebannt. Diese kleinen Tiere gehören zweifelsohne zu den Lieblingen in der Bilderbuchliteratur und sind gleichzeitig in der Lage, die spitzesten Schreie von Menschen auszulösen. Sie erstaunen aufs Äußerste, wenn wir uns die Liste ihrer Fähigkeiten anschauen, weil sie gut riechen, schmecken, hören und sehen können. Mehr als das sind sie ausdauernder als die meisten Lebewesen. Im nächtlichen Laufrad absolvieren sie locker 10-15 Kilometern mit gerade mal 20 Gramm Körpergewicht. Übertragen auf uns kiloschwere Menschen, müssten wir in einer Nacht etwa einmal die Erde umrunden. Dennoch scheinen sie uns nicht zu imponieren, sonst hätte die Industrie in den vergangenen 150 Jahren nicht Dutzende von verrücktesten Mausefallen produzieren und munter verkaufen können. Die Maus lässt sich nicht ausrotten, weil sie sowohl das Niedliche als auch die Abscheu repräsentiert. Offenbar fasziniert den Menschen dieses Paradoxe im Gleichzeitigen. Die 30jährige, glänzende Recherche des Autors kulminiert im Schlusskapitel „Mausefalle und Sexualität“. Er zieht verblüffende Parallelen, zitiert eindeutige Passagen: „Hi, ich bin deine blonde Mausefalle, mit schönen blauen Augen, langen Beinen, großen Brüsten und allem, was ich brauch, um dich in meine Mausefalle zu locken…“ und hat das Segel einer grandiosen Kulturgeschichte ohnegleichen in den richtigen Wind gestellt. Mausefallen warten überall auf uns, nicht nur auf die flinken grauen Wesenheiten, nicht nur in Kellern. Wir sind von Mausefallen umzingelt, schauen Sie mal genauer hin. Oder lassen Sie sich vom Autor die Augen öffnen. |
103. Ursula Bauer, Jürg Frischknecht, Schüttelbrot und Wasserwosser – Wege und Geschichten zwischen Ortler und Meran – Wandern im Vinschgau, erschienen im Rotpunktverlag in Zürich, 360 Seiten in englischer Klappenbroschur mit weit über 200 farbigen und s/w Abbildungen, ISBN 978-3-85869-447-8, Preis 33 Euro
Der Vinschgau gehört zu den beliebtesten Reisezielen, wenn von Südtirol die Rede ist. Seine italienische Atmosphäre gepaart mit deutschem Dialekt, liebliche bis bizarre Landschaftswelten, sanfte Täler mit Apfelplantagen soweit das Auge reicht sowie raues, unwegsames, alpines Hochgebirge, wo selbst der Ötzi jahrtausendelang unentdeckt blieb. Bislang hat uns der Buchmarkt mit ausreichend guten Wander- und Reiseführern zu diesem köstlichen Flecken Erde bedient. Doch dieses preisgekrönte und besonders begabte Autorenduo Bauer/Frischknecht bietet mehr, weil sie mit ihren Augen, Ohren etc. viel mehr sehen und tiefer, intensiver wahrnehmen. Sie gehen Anekdoten, personalen Steckbriefen, Fragmenten, Stichworten und verschütteten Geschichten nach. Sie berühren uns geradezu mit dem Schicksal der Menschen, die dort leben und arbeiten. Sie scheuen sich nicht, tiefer zu graben, bis sie einen neuen, alten Schatz des sozialen und politischen Kulturerbes heben und uns nahe bringen. Dieser siebte Wanderführer von Bauer/Frischknecht entfacht die Lust, noch einmal ins Vinschgau zu fahren, obwohl wir vielleicht schon fünfmal dort waren. Die anspruchsvollen Berg- und Weitwanderer finden exzellente Wegbeschreibungen mit entsprechendem Kartenmaterial und allen wichtigen Daten und Fakten. Für die Genusswanderer wird ein passgenauer anderer Typ von leichteren Routen angeboten. Und die Sofawanderer laufen bei der Lektüre Gefahr, sich gar nicht mehr zu bewegen. Fasziniert bin ich von den drei umfangreichen Fotoessays, die Marco Volken beigesteuert hat. Entdecken Sie diese einzigartige Symbiose von Wander-, Reise-, Kultur- und Geschichtenbuch. |
104. Flavia Company, Die Insel der letzten Wahrheit, Roman, erschienen im Verlag Bloomsbury in Berlin, aus dem Katalanischen übertragen von Kirsten Brandt, 180 Seiten gebunden, ISBN 978-3-8270-0988-3, Preis 17,90 Euro.
Als Hörbuch in ungekürzter Fassung erschienen im Verlag Steinbach sprechende Bücher in Schwäbisch Hall, gesprochen von Nadja Schulz-Berlinghoff und Romanus Fuhrmann, 3 CDs, 189 Minuten, ISBN 978-3-86974-084-3, Preis 19,99 Euro, für Menschen ab 16 Jahre
Zwei Freunde hat Matthew Prendel eingeladen, mit ihm auf seiner Yacht im Atlantik zu segeln. Mitten auf dem Ozean überfallen sie Piraten. Mit seiner Pistole trifft er einen dieser fiesen Typen, der über Bord geht. Aus Rache werden seine Freunde getötet. Er selbst, am Bein verletzt, versucht sich mit einem Sprung ins Wasser zu retten. Tatsächlich treibt er tagelang, von Angst und Durst gepeinigt, auf hoher See, teilweise im komatösen Zustand. Als er Sonne über sich und Sand unter sich spürt, öffnet er die Augen. Er schaut in das Gesicht seines fremden Retters. Beide befinden sich auf einer kleinen Insel, die auf keiner Seekarte verzeichnet ist. Eine moderne Robinsonade kommt in Gang und läuft alsbald auf Hochtouren. Die beiden Männer kennen sich nicht und dennoch ist ihr Schicksal miteinander verbunden. Weil sich herausstellt, dass der Fremde jener Pirat ist, auf den Prendel schoss. Ist er nun von diesem Menschen abhängig? Gibt es ein Geheimnis, weshalb sie auf dieser winzigen Insel getrennt leben? Wie gehen Menschen mit einer Situation um, die ausweglos erscheint? Zeigt die nackte Not die verborgenen Seiten unseres Charakters? Es erwartet Sie mehr als ein lupenreiner Abenteuerroman, dessen Spannung nicht zu überbieten ist und in der Schlusssequenz deshalb total überrascht, weil wir meinten, bereits alles verstanden zu haben. Ein gutes Roman-Labyrinth hat verdammt viele Gänge. Ein Buch für einen Urlaubstag, den Sie nicht so schnell vergessen werden. Das Hörbuch wiederum kann ihre Fahrt in die Ferien gefühlt um Stunden verkürzen. |
105. Uri Orlev, Ein Königreich für Eljuscha, aus dem Hebräischen übertragen von Mirjam Pressler, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg in Weinheim, 288 Seiten gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-407-81088-5, Preis 16,95 Euro, für Menschen ab 14 Jahre
Noch 1941 lebt Eljuschas jüdische Familie im äußersten Westen der Sowjetunion. Doch Hitlers „Unternehmen Barbarossa“ sorgt dafür, dass sein Vater als Offizier im Großen Vaterländischen dienstverpflichtet und später getötet wird. Eljuscha, seine Mutter und die beiden größeren Schwestern flüchten in die ferne kasachische Steppe. Dort bewohnen sie ein kleines Lehmhaus mit Strohdach, fast halb unter der Erde. Man schläft auf dem Ofen, der Pjetschka, dicht an dicht und tagsüber hockt man auf dem festgestampften Boden. Ein Glück, dass sie den großen Teppich mitgeschleppt haben. Bis zum harten Winter 1941/42 reichen die mitgebrachten Vorräte. Danach tauschen sie ihr Hab und Gut, bis auf das was sie am Leib tragen, gegen Lebensmittel bei den kasachischen Bauern. Zwischendurch gibt es Festtage mit guten Mahlzeiten und wichtigem Brennmaterial für den Ofen, weil die Mutter mit ihrem Balalaikaspiel bei Familienfeiern auftritt. Im Frühling befreundet sich Eljuscha mit den muslimischen Jungs der benachbarten Höfe. Dort lernt er viel, dass er bald, neben der Mutter, die abwechselnd mit den Töchtern in der Zuckerfabrik für Lebensmittelkarten arbeitet, zum Miternährer wird. Sie bringen ihm bei, wie man Kuhfladen so trocknet und sammelt, dass sie im harten Winter den Ofen anfeuern. Er lernt, die Jungvögel der Kuckucke aus den Hecken zu holen. Und rasch weiß er, wie man Hasen fängt und im zugefrorenen Fluss Fische fängt. Auch das Reiten ohne Sattel und der Umgang mit Kamelen sind ihm bald vertraut. So vergehen die Jahre. Uri Orlev erzählt eindringlich und stilsicher, dass wir unweigerlich mit Eljuscha denken, fühlen, riechen, essen, träumen.1945/46 flieht die Familie in einer langen, großen Odyssee über Kiew, Ulm und das Mittelmeer bis nach Israel. Dort wartet auf Eljuscha der sozialistische Kibbuz und Jahre später eine Stadtwohnung in Tel Aviv. Ein authentisches Leben, dass dieser großartige Romanautor dramaturgisch meisterhaft veredelt. Dabei erinnern die langen Jahre in der kasachischen Steppe an die literarischen Bühnenbilder von Tschingis Aitmatow. Für diesen fantastischen israelischen Erzähler gibt es nur eine Übersetzerin, die seine feinste Töne versteht: Mirjam Pressler. Intensives Leben in einem Roman der Güteklasse für alle im Herzen Junggebliebenen. |
106. Georg von Wallwitz, Odysseus und die Wiesel - Eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte, erschienen im Berenberg Verlag, 152 Seiten gebunden in Halbleinen, ISBN 978-3-937834-48-1, Preis 20 €
Ein Autor als praktizierender Fondmanager. Stilsicher und unterhaltsam inszeniert er eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte, als gelungene Selbstbespiegelung des eigenen Stalles. Messerscharf seziert er das Profil seiner Kollegen, spricht ungeschminkt von der treibenden Gier nach permanenter Geldvermehrung an den Bildschirmplätzen. Er brandmarkt die oftmals mangelhaften Eigenschaften, die weiland einen Odysseus auszeichneten, wie den Willen zur Macht, Listigkeit, Erfahrung, Intuition und die Prise vom nicht berechenbaren Glück. Andererseits entlarvt er seine Zunft, indem er sie mit dem viel zu klein geratenen Mauswiesel vergleicht. Zwar fähig, jagend Beute zu machen, doch die Ergebnisse sind mehr als bescheiden. Er scheut sich nicht, die Skrupellosigkeit seiner Kollegen offen zu legen, zögert jedoch mit einem schärferen moralischen Urteil, weil die Finanzmärkte lediglich auf der Basis eines minimierten, internen Sittenkodex agieren. Schließlich ist es global legal, mit Geld zu handeln. Sprachlich und metaphorisch geschliffen, beschreibt er die historische Entwicklung der monetären Spielwiese an den Börsen, sowie rund um die Depots und Fonds. Seine Insiderkenntnisse erweitern nachvollziehbar den Horizont, erfrischen das Denkvermögen über die komplizierten Finanz-Netzwerke und schaffen frappierende bis ernüchternde Transparenz. Gerade weil er das Schurkige und Schaurige der Geldjongleure nicht verschweigt, ist die Lektüre wohltuend kurzweilig und lohnenswert. Die Wirtschaft ist unser Schicksal, wie Walter Rathenau bereits in den 1920er Jahren feststellte. Deshalb ist noch deutlicher zu fragen: Wo bleibt der politische Primat, sie endlich menschenfreundlich zu zähmen? |
107. Tendai Huchu, Der Friseur von Harare, Roman, aus dem Englischen übertragen von Jutta Himmelreich, erschienen im Peter Hammer Verlag, 302 Seiten gebunden mit SU, ISBN 978-3-7795-0358-3, Preis 19,90 €
Friseursalons sind Orte ästhetisierender Eitelkeiten, Umschlagplatz für Gerüchte sowie die schwarzen Bretter von Stadtvierteln. Da sind Europa und Afrika deckungsgleich. Der 29jährige Autor modelliert schalkhaft einen derartigen Salon als Bühnenbild. Im Mittelpunkt stehen Vimbai, die ungekrönte Meisterin ihres Fachs und der bald kometenhaft auftauchende junge und flott handwerkende Dumisani. Wer behält bei den Damen der Frauenliga und vor allem bei der Gattin des Ministers die Schere in der Oberhand? Ein Konkurrenzkampf ohnegleichen beginnt. Fast ohne Anstrengung fliegen Dumisani die Herzen zu. Der Laden boomt und filialisiert. Vimbai ist stocksauer, verliert an Geltung und Einfluss und dennoch gewährt sie Dumisani ein Obdach, weil sie nicht nur den Mietzins braucht. Sie will das Geheimnis seines Erfolgs verstehen und ist bald perplex, weil er ihr sexuelles Werben ablehnt. Stattdessen lädt er sie ein, ihn auf der Hochzeit seines Bruders als seine offizielle Freundin zu begleiten. Nach der Bekanntschaft mit seiner Familie, eine der wohlhabendsten und einflussreichsten des Landes, nimmt die Geschichte noch mehr an Fahrt auf. Bereits während der Party wird Vimbai nahezu vergöttert, denn sie gilt als der leibhaftige Beweis dafür, dass Dumisani doch nicht schwul ist. Dieses Tabu tauchte bisher nicht in einem schwarzafrikanischen Roman auf und wird vom Autor im weiteren Verlauf klug, schwungvoll und energetisch entfaltet. |
108. Gerbrand Bakker, Oben ist es still, Roman, aus dem Niederländischen übertragen von Andreas Ecke, erschienen im Suhrkamp Verlag, Berlin, 320 Seiten broschiert als Taschenbuch, ISBN 978-3-518-46142-6, Preis 9.90 Euro
Kennen Sie die einsamen Weiten der holländischen Tiefebene westlich des Ijsselmeeres? Da sagen
sich Hund und Katz und anderes Getier langweilig gute Nacht. Dort lebt im elterlichen Bauernhof der wortkarge Mittfünfziger Helmer van Wonderen mit seinem sterbenskranken Vater. Mit von der Partie sind ein paar Milchkühe, 21 Schafe, wenige aber kraftvolle Legehennen und vor allem zwei Esel, eine Marotte unseres Protagonisten. Der Roman ist handlungsarm, aber dennoch überaus ereignisreich. Und das auf der Ebene der Wahrnehmung von Augenblicken, die der Mensch mit seinen Gemütsstimmungen, seinen Erinnerungen und Ahnungen durchfühlt. Zwei Entscheidungen von Helmer beschleunigen den fantasievollen Dialog mit dem Leser. Zunächst bugsiert er seinen kranken Vater in die obere Etage. Zuviel von dessen Nähe kann und will er nicht mehr ertragen. Auch die tägliche Pflege vollzieht er meistens nur widerwillig und mit sparsamsten Handgriffen und nicht selten bissigsten Kommentaren.
Ein Reflex darauf, dass sein Vater ihn über 30 Jahre zuvor zur Mitarbeit auf dem Hof verdonnerte, obwohl er doch sein Literaturstudium in Amsterdam fortsetzen wollte. Eigentlich sollte Helmers Zwillingsbruder den Hof übernehmen, was ein Autounfall mit Todesfolge verhinderte. Eines Tages flattert ein Brief ins Haus und die seit einiger Zeit verwitwete Riet und frühere Braut seines verunglückten Bruders besucht bald darauf. Helmer wird von der Vergangenheit eingeholt und schützt sich mit dem lakonischen Hinweis, dass sein Vater angeblich nicht mehr lebt. Riet schöpft keinen Verdacht, denn oben ist es still. Im Besuchsgepäck waren zwei Ideen, die sie beide nicht loswerden kann. Offenkundig ist Helmer an weiblichen Reizen desinteressiert und sie traut sich nicht zu fragen, ob ihr pubertierender Sohn Henk eine zeitlang auf dem Hof leben kann. Den letzteren Wunsch formuliert sie später schriftlich und nach langer Reflexionszeit willigt Helmer ein. Henk sorgt für Turbulenzen, denn natürlich erfährt Riet durch ihn, dass Helmers Vater noch gar nicht gestorben ist. Der leise, tief beeindruckende Erzählfluss des Buches bleibt davon unberührt. Der Debütroman von Bakker erfordert ein gewisses inneres Stehvermögen, wobei sie allerdings literarisch nach allen Regeln dieser Kunst reichlich entlohnt werden. |
109. Julia Donaldson/Axel Scheffler, Räuber Ratte, Bilderbuch, aus dem Englischen übertragen von Salah Naoura, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim, 32 Seiten mit durchgehend üppig gemalten farbigen Bildern, ISBN 978-3-407-79447-5, Preis 12,95 Euro, für Menschen ab 4 Jahre
Es gibt fiese Möppel. Räuber Ratte verkörpert exakt diesen Typ. Er reitet hoch zu Ross durch die Gegend, schwingt bedrohlich sein Schwert und beraubt die ihn umgebenden Wesenheiten. Selbst vor einem alten Mütterchen macht er nicht Halt. Sogar die Ameisen lässt er strammstehen. Seine Satteltaschen sind von den Raubzügen prall gefüllt. Wir werden Zeugen seiner Völlerei, der grenzenlosen Gier und der schnippischen Wegwerfmentalität. Unweigerlich denkt der erwachsene Betrachter an die Hasardeure und Zocker unserer ökonomischen Gegenwart. Dann trifft er die Ente. Sie hat für Räuber Ratte nichts unter ihrem Gefieder. Kühn rettet sie ihre Haut und spricht von einer Schwester, die hoch oben in den Bergen in einer Höhle, vollgestopft mit begehrenswerten Kostbarkeiten, lebt. Willig zeigt sie Räuber Ratte den Weg. Oben angekommen, ruft sie dermaßen geschickt in die Höhle hinein, dass ein Echo mit Willkommensgruß zu hören ist. Räuber Ratte stürmt in die Höhle, läuft ins Leere und verirrt sich. Währenddessen schwingt sich die Ente auf sein Pferd, reitet ins Tal und öffnet die Satteltaschen mit dem Beutegut unter den Bedürftigen und Beraubten. Eine geglückte Aktion neuer Verteilungsgerechtigkeit, in solidarischer Geselligkeit. Und die Moral von der Geschichte: Räuber Ratte ist entmachtet. Irgendwann fand er den Höhlenausgang und arbeitet nun als Putzhilfe in einer Bäckerei, wo er im wahrsten Wortsinne richtig kleine Brötchen backt. Kein Verhalten bleibt ohne Konsequenz, was die Kinder in einer flott gereimten Geschichte erfahren. Die skurrilen Figuren von Axel Scheffler und seine prallen Bilderwelten erobern jedes Kinderherz. |
110. Fabian Pasalk, Ruhrgebiet 2012 – Wissen für das ganze Jahr, Abreißkalender für 366 Tage, erschienen im Hermann-Josef Emons Verlag in Köln, ISBN 978-3-89705-867-5, Preis 9,95 Euro
Praktisch für die Wand, den Küchen- oder Schreibtisch. Der Autor hat erstaunlich kurzweilige
Anekdoten, Wissens-Fragmente, erhellende Infos und skurrile Fakten zusammengetragen, die meistens nur wenige Sätze umfassen. Gerade genug, damit wir am frühen Morgen nicht überfordert
werden. Besonders gelungen sind die unmittelbaren Hinweise auf Ausstellungen, Messen, Jubiläen und besondere Aktivitäten im kommenden Jahr. Knapp und präzise werden wir in Kenntnis gesetzt.
Und so flattert uns die eine oder andere Anregung ins Haus, die wir sonst vielleicht verpassen würden. Politisches, Heimatkundliches, Geschichtliches, Filmisches, Sportliches, aber auch Appetitliches, wenn ich an die speziellen regionalen Kochrezepte denke, wird berücksichtigt. Selbst nach den aufwändigen Auftritten und Veröffentlichungen im Kulturhauptstadtjahr 2010 macht man mit diesem kleinen kompakten Abreißkalender erstaunliche Entdeckungen im weiten Raum des Ruhrgebiets. War Ihnen bekannt, dass es im Dortmunder Zoo die weltweit erfolgreichste Zucht mit Ameisenbären gibt? Und das die weltweit größte Oldtimermesse in Essen stattfindet? Wußten Sie, dass das weltweite älteste Kurzfilmfestival in Oberhausen stattfindet? |
111. Hans-Joachim Gelberg (Hrsg.), Wo kommen die Worte her? – Neue Gedichte für Kinder und Erwachsene, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg in Weinheim, 264 Seiten gebunden in Halbleinen mit zahlreichen, auch ganzseitigen, vierfarbigen Bildern, ISBN 978-3-407-79986-9, Preis 19,95 Euro, für Menschen ab 8 Jahre, zum Vorlesen bereits ab 4 Jahre
Zum 40. Geburtstag des Verlags Beltz & Gelberg erscheint einmal mehr eine ungewöhnliche Gedichtsammlung für kleine und große Menschen. In den vergangenen Jahren kamen manche Anthologien dieser Art auf den Markt. Freilich handelte es sich dabei sozusagen um Kopien vom eigentlichen Original, das der heutige Herausgeber Gelberg damals Anfang der 70er Jahre noch als Verleger zum ersten Mal aus der Taufe hob. Seitdem lädt er ein, fordert er heraus, ermutigt er zu neuen Sprach- und Wortspielen in der Form des Gedichts. Für die vorliegende Ausgabe stellte er weit über 100 deutschsprachigen Schriftstellern die Frage: „Wo kommen die Worte her?“ Ein mehrstimmiges brillantes Echo erfolgte, ein Sinnenschmaus ohnegleichen. Obendrein eine Augenweide, wenn ich die Bilder, Vignetten und die Gesamtgestaltung mit Typografie einbeziehe.
Unsere Sprache ist tiefster Ausdruck existenzieller Befindlichkeit. Oder in Tuchfühlung mit den biblischen Wurzeln des christlichen Abendlandes drückt es Frantz Wittkamp so aus: “Im Anfang war das Wort / Das Wort gefiel den Leuten. / Sie fragten sich sofort: / Was soll das Wort bedeuten?“ Mit diesem Buch können wir eine genussvolle Bedeutungs- und Erlebnisreise starten.
Zugleich ist es der lebendigste Beleg dafür, dass es sich derzeit bei den medial gepriesenen elektronischen Büchern wirklich nur um funktional erstarrte Lesegeräte handelt. Hans-Joachim Gelberg erschließt uns ein Abenteuer der Sprach- und Ausdruckskunst, das spritzig und zeitlos daherkommt. |
112. Hannelore Elsner, Im Überschwang, erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch in Köln, 310 Seiten gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-462-04230-6, Preis 19.99 Euro
Selbsterzähltes Leben gibt es mittlerweile reichlich zwischen zwei Buchdeckeln. Leider auch von denen, die überhaupt nichts zu erzählen haben. Und zudem Co-Autoren dringend benötigen, damit man überhaupt drei Sätze ohne Kopfschütteln lesen kann. Das hat Hannelore Elsner alles nicht nötig. Sie spricht über ihr Leben, zu dem sie steht. Das Leben ist wie es ist. Das Davonlaufen ist ihr fremd, das Zögern und Reflektieren nicht. Sie erzählt von sich in einem Ton, der das eigene Herz unwillkürlich erwärmt und folgerichtig öffnet. Sie schreibt dialogisch einladend, als sei es ein persönlicher Brief an uns. Da wo es wichtig ist, erinnert sie sich präzise, um das eigene und das Verstehen des Lesers zu unterstützen. Hannelore Elsner schreibt wie wir sie aus dem Film und von der Bühne kennen: authentisch, sensibel, sinnlich, hingebungsvoll. Den Weihrauch für das Fest der Eitelkeiten lässt sie außen vor. Wohltuend hilfreich, weil das Leben von Schauspielerinnen in der Öffentlichkeit nicht selten den Fliehkräften von Glanz, Glamour, Selbstdarstellungssucht und Promiprofil erlegen ist. Viele Rollen hat sie in ihrem beruflichen Tun mit Leben gefüllt, und doch ist sie immer sich selbst treu geblieben. Auf den Brettern der Welt eine seltene Begabung. Wir lernen von ihr, wie bedeutsam die Kindheit in allen Lebensphasen in uns anwesend ist und wirkt. Weil sie um diese Wurzeln weiß, ist ein Leben in Radikalität und Freiheit möglich. Sie erzählt von ihren Abschieden und begreift sich deshalb stets als Anfängerin. Lampenfieber ist ihr unsichtbarer Begleiter, nicht nur auf der Bühne. Das zeugt von einer inspirierenden Lebensspannung, an der sie uns unmittelbar und aufmerksam teilhaben lässt. In Summe ein spielerisches Erinnern, das dem Heute frönt und mich lernend unterhalten hat. Wer mit dieser ungewöhnlichen Frau persönlich auf dem Regenbogen des Lebens flanieren will, besorge sich rasch Karten für das Parktheater in Iserlohn, wo sie am 22. November 2011 um 20 Uhr zu Gast ist. |
113. Silke Schnee, Heike Sistig, Die Geschichte von Prinz Seltsam, erschienen im Neufeld Verlag in Schwarzenfeld, 32 Seiten DIN A 4 gebunden und durchgängig farbig illustriert, ISBN 978-3-86256-010-3, Preis 14,90 Euro, für Menschen ab 4 Jahre
Medizinischer Fortschritt kann und wird vermutlich dazu führen, dass wir in den nächsten Jahrzehnten auf Erfahrungen und Begegnungen mit besonderen Menschen verzichten müssen. Die sogenannte Präimplantationsdiagnostik, politisch und ethisch umstritten, ist in der Lage, Menschen mit dem Down Syndrom im Mutterleib zu erkennen und ggfls. zu selektieren. Noch leben sie unter uns und beglücken viele Menschen, weil sie anders normal sind. Sie verströmen eine Lebensfreude, die bald in unseren Breiten zur Rarität wird. Eigentlich wollte der König in unserer Geschichte kein weiteres Kind, weil seine beiden Söhne bereits reichliche Fensterscheiben im Schloss zertrümmert hatten. Doch die Königin ließ in ihrem Werben nicht locker und ward schwanger. Kurz nach der Geburt stellt der König allerdings fest: „ Er sieht ein bisschen seltsam aus“. Teile des Volkes dachten ähnlich und nicht wenige meinten, dass er nicht zu ihnen gehöre. Prinz Seltsam hat Mühe mit der Motorik und gebraucht nur einzelne Worte. Dennoch verstanden ihn alle. Eines Tages ist das Königreich in Gefahr, weil es vom Schwarzen Ritter bedroht wird. Der Kampf scheint unausweichlich. Alle ziehen in den Krieg, um sich zu verteidigen. Selbst Prinz Seltsam ist mit von der Partie. Als Sturm und Wind diesem Schwarzen Ritter die Tränen in die Augen treiben, deutet das der kleine Prinz Seltsam als große Traurigkeit, die ihn unvermittelt in Bewegung setzt. Forsch reitet er auf die fruchterregende Gestalt zu, legt seine rechte Hand auf die Narbe im Gesicht des Ritters und fragt herzergreifend: „Tut weh?“ Soviel Mitgefühl war dem Schwarzen Ritter noch nie begegnet und jeglicher Kampf vergessen. Natürlich jubeln alle im Königreich. Auch dem letzten Bürger ist klar, dass Prinz Seltsam einer der ihren ist, eben anders normal. Müssen sich solche Menschen erst beweisen? Nein, sie handeln spontan und intuitiv und schaffen somit eine neue Situation, die uns bisweilen wachrüttelt. |
114. Viola Rohner / Dorota Wünsch, Wie Großvater schwimmen lernte, erschienen im Peter Hammer Verlag in Wuppertal, 24 Seiten gebunden, DIN A 4 quer mit durchgehend farbigen Illustrationen, ISBN 978-3-7795-0353-8, Preis 13,90 Euro, für Menschen ab 4 Jahre
Gleich die erste Doppelseite dieses Buches vermittelt die herzlich-sympathische Atmosphäre zwischen dem Opa und seiner Enkelin. Sie stehen auf einer Brücke und schauen den Zügen zu. Heim- und Fernweh zugleich in den Gesichtern. Überhaupt sind die beiden unternehmungslustig. Zusammen gehen sie in den Zoo, auf den Markt, in den Garten und nach dem „Mensch ärgere dich nicht Spiel“ halten sie Mittagsschlaf. Eines Tages sagt der Opa unvermittelt, dass sie heute „zum letzten Mal“ losgehen. Das versteht die Enkelin nicht. Also zum letzten Mal mit ihm in eine Buchhandlung, zu seinem kranken Freund Heinrich in die Klinik und zu einer Beerdigung auf den Friedhof. „Einmal ist immer das letzte Mal“, sagte der Großvater. Dennoch bleibt die Enkelin neugierig und tatendurstig. „Was machen wir jetzt?“ bohrt sie weiter und motiviert ihn, am nächsten Tag mit in die Badeanstalt zu gehen, obwohl der Opa nicht schwimmen kann. In ihrem neuen Badeanzug ist sie glatt unwiderstehlich und bringt dem Großvater den Sommer über das Schwimmen und Tauchen bei. „Einmal ist immer das erste Mal“, sagte das kleine Mädchen. Auf der letzten Doppelseite treiben Opa und Enkelin dem dramatischen Höhepunkt entgegen. Wir sehen sie am Ufer, wie sie ihrem Opa nachschaut, der weit in den See hinaus geschwommen ist. Ein grandioses Panorama das uns als staunende Betrachter in der spannungsgeladenen Schwebe hält zwischen dem ersten und letzten Mal. Die Autorin Viola Rohner und die Künstlerin Dorota Wünsch beflügeln mit dieser köstlichen Komposition das Gespräch und die Begegnung zwischen den Generationen. Ein Lob für den Anfang allen Tuns. |
115. Liao Yiwu, Für ein Lied und hundert Lieder – Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen, erschienen im S. Fischer Verlag in Frankfurt, übertragen aus dem Chinesischen von Hans-Peter Hoffmann, 592 Seiten gebunden mit Schutzumschlag und Leseband, ISBN 978-3-10-044813-2, Preis 24,95 Euro
„Das nächste Massaker geschieht in der Zentrale der Utopie / der Präsident ist erkältet und
das Volk hustet, der Ausnahmezustand wird verhängt….Unruhestifter fallen zu Tausenden,
keiner hat eine Waffe / Berufskiller schwimmen im Blut, mit Eisen behängt, sie legen Feuer
unter verschlossenen Fenstern…“ Das sind einige Zeilen aus dem Gedicht „Massaker“. Geschrieben von Liao Yiwu, unmittelbar nach dem Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens1989 in Peking. Wenige Worte, die sein Leben radikal verändern sollten. Über 20 Jahre vorher, während der sog. Kulturrevolution, wurde bereits seine Familie auseinander gerissen. In ihm reifte danach eine nahezu grenzenlose Unerschütterlichkeit. Mithilfe seiner präzisen protokollarischen Beobachtungsgabe und seiner beispiellosen Gedächtniskraft schlüpft er in der Zeit seiner Gefängnisodyssee in die Rolle des Generalzeugen vom chinesischen Gulag. Man muss von China nichts wissen oder gelesen haben, um Liao Yiwu zu verstehen. Vielleicht liegt das Geheimnis der Stoßkraft dieser Aufzeichnungen, die politisch und lyrisch zugleich sind, darin, dass die Machthaber ihm fortlaufend das Manuskript raubten. Doch Liao Yiwu, vom Typ des glücklichen Sisyphos, fing immer wieder von vorn an und benötigte 15 Jahre, um die Texte so wiederherzustellen, damit wir sie jetzt in diesem Buch lesen können. Noch 2009 wurde ihm die Einreise nach Deutschland verweigert, um China als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse zu repräsentieren. Aber ein Jahr später kann er das Manuskript sicher ins Ausland bringen und nun lebt er seit 2011 in Berlin. In seiner Heimat ist kein Platz mehr für ihn. Im Reisegepäck hatte er diese Aufzeichnungen. Sie schenken uns eine für mich einzigartige Innensicht. Wir lernen sowohl den eigensinnigen Edelmut des Autors als auch die infernalischen Strukturen eines Knast- und Unterdrückungssystems kennen, das den Zorn und das Aufbegehren des Lesers weckt. Die Güte und Qualität dieses Zeugenberichts steht für mich in einer Reihe neben solchen Werken wie „Der SS Staat“ von Eugen Kogon und dem „Archipel Gulag“ von Alexander Solschenizyn. Vor diesem Hintergrund wird mir übel, wenn ich in diesen Tagen weltweit Politiker und Wirtschaftsleute erlebe, die nach dem monetären Rettungsschirm der Chinesen geifern. Liao Yiwu zeigt uns im Labyrinth der kolossalen Unterdrückung und Entwürdigung des Menschen den unscheinbaren Weg von erhabener Freiheit und Wahrhaftigkeit. Ein epochales Werk und ein ebensolches TätigSein, das zu Recht in diesen Tagen in München mit dem Geschwister Scholl Preis ausgezeichnet wird. Übelster Knast und Umerziehung durch Arbeit konnten ihm nicht das Rückgrat brechen und schon gar nicht seinen ironisch, bissigen Humor rauben. Im Knast fragte er einmal den intellektuellen Wächter Cao, ob er den berühmtesten Satz von Jesus kenne. „Wenn dir jemand auf die linke Wange schlägt, dann halte ihm auch die rechte hin, „antwortete Xiao Cao prompt, „aber leider ist Gott kein Chinese.“ |
116. Craig Thompson, Habibi, aus dem Amerikanischen übertragen von Stefan Prehn, Handlettering von Michael Hau, erschienen im REPRODUKT – Comicverlag in Berlin, 672 Seiten gebunden mit Leseband, ISBN 978-3-941099-50-0, Preis 39 Euro, für Menschen ab 16 Jahre
Viele haben auf diese Geschichte gewartet, auf die mich das Comic Zentrum in Hagen, Spinngasse aufmerksam gemacht hat. Craig Thompson gilt als einer der weltbesten Comiczeichner. Über sieben Jahre hat er an diesem Buch gearbeitet. Eine ausführliche Reise nach Marokko gehörte selbstverständlich dazu, um sich mit dem arabischen Orient in seiner historischen und gegenwärtigen Fülle, Faszination und Widersprüchlichkeit auseinander zu setzen. Zwei Waisenkinder treffen wir auf seiner fiktiven Lebensbühne an. Das heranwachsende Mädchen Dodola und den 9 Jahre jüngeren Zam. Mitten in der Wüste leben sie auf einer gestrandeten Arche, die sie schützt. Herzlich sind sie einander zugetan, nicht nur, weil sie das gleiche Schicksal teilen. Doch ihre Lebenswege trennen sich. Dodola gerät in die Fänge des Sultans von Wanatolien. Im Harem nimmt sie zwar bald die führende Rolle ein. Doch die Gesellschaft dieses tyrannischen und sexsüchtigen Herrschers führt zu heftigsten Konflikten, die sie geradewegs in den Kerker treiben. Zwischendrin wandern ihre Gedanken immer wieder zu ihrem geliebten Waisenjungen Zam. Der ist mittlerweile zu einem stattlichen Mann heran gewachsen, den die heftigen Verwerfungen des Lebens bei den Eunuchen des Sultans stranden lassen, wo die Kameraden ohne Geschlechtsorgan die ausgemusterten Haremsdamen bespielen. Zufällig bekommt er davon Notiz, dass sich Dodola noch im Sultanspalast aufhält. Die alte juvenile Liebe entflammt. Zam schmiedet einen Fluchtplan, der glückt. In den Zivilisationsruinen von Wanatolien findet er für Dodola und sich eine Bleibe. Noch einmal entdecken sie die Liebe neu und anders. Schließlich will sie seine Narbe sehen. Zwar entbehrt Diese Liebesgeschichte entbehrt zwar der literarischer Tiefe und frönt zu sehr einem romantisch-klischeehaftem Orientbild, doch der geniale Zeichner Thompson begegnet uns auf jeder Seite. Die Vokabeln üppig und opulent reichen nicht aus, um diese Bildwelt in Worte zu fassen. Er zeichnet mehrdimensional und kreiert dadurch Spannung. Eine rasante Vielfalt an Eindrücken stürmt auf uns ein und lässt um uns herum eine dicht verwobene Welt von Symbolen, Parabelartigem und Märchenhaftem entstehen. Nebenbei konfrontiert uns der Autor damit, dass die sogenannten monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam das tiefe archaische Geschichtengut teilen und letztlich aus derselben Quelle schöpfen. Freunde ungewöhnlicher Comics oder auch Graphic Novels, kommen an diesem Buch nicht vorbei. |
117. Maja Bohn, Mama, wo ist eigentlich das Gestern hin?, erschienen im Hinstorff Verlag in Rostock, 42 Seiten gebunden mit durchgehend farbigen Bildern, ISBN 978-3-356-01420-4, Preis 14,95 Euro, für Menschen ab 5-99 Jahren
Lorettchen lassen die Geheimnisse des Lebens keine Ruhe. Schon beim Frühstück fragt sie ihre Mama, wo das Gestern geblieben ist. Und die meint präzise und sicher, dass sich nachts im Schlaf, das Heute ins Gestern verwandelt. Doch, wo hat es sich wirklich versteckt? Bodo, der Haushering weiß, dass nur das Suchen hilft. Ergebnislos verlässt sie das Haus und kommt nun einer Reihe von Tieren in die Quere, die dieser Frage machtlos vis à vis stehen. Wobei die Eintagsfliege Signorina piccolina nachvollziehbar überfordert ist. Akkurat mathematisch entgegnet ihr der Hamster, dass er vom Gestern exakt 3.578 Umdrehungen in seinem Rad entfernt ist. Ansonsten bemerkt er schnippisch, dass das Leben zu kurz ist, um sich mit dem Gestern aufzuhalten. Spätestens jetzt hätte auch Albert Einstein seine helle Freude an diesem Buch, weil Loretta dabei ist, den Augenblick unter eine Teigrolle zu nehmen. Angekommen beim Zauberer wird es kurios. Der kriegt trotz mehrfacher Versuche das Gestern nicht aus dem Hut. Der Schmetterling trauert ein wenig dem Gestern nach, wo er zwar nicht aus Pappe, aber noch in seiner Puppe war. Da fühlte er sich bestens, anstatt so bunt beflügelt durch die Gehend zu torkeln. Der Amtsschimmel in Form eines Hauptwachmeisters kann mit dieser Frage gar nichts anfangen. Überforderung total. Wer das Gestern nichts genau beschreiben kann, sollte die Vermisstenanzeige in den Papierkorb werfen. Nach weiteren turbulenten Begegnungen landet sie schließlich beim alten Zapf, der seit Stunden auf der Treppe sitzt. „ Das Gestern, Loretta, ist in dir drin, in deinen Gedanken und Erinnerungen. Und jeden Tag kommt ein neues Gestern dazu. Und wenn Du so alt bist wie ich, ist aus allen Gestern ein ganzes Leben geworden.“ Loretta ist baff. Ich auch. Das mit Abstand vortrefflichste Bilderbuch zu Gestern Heute und Morgen, dass diese Republik je gesehen hat. Ein Buch im Zenit der Zeit. |
118. Caspar Dohmen, Good Bank – Das Modell der GLS Bank, erschienen im Verlag Orange Press in Freiburg, 256 Seiten in Englischer Broschur, fadengeheftet mit ausführlichem, farbigem Bildteil, ISBN 978-3936086-54-6, Preis 20 Euro
Das Medium Geld gehört zu den genialsten Erfindungen auf diesem Planeten. Immer mehr Menschen können mit immer mehr Waren aller Art weltweit handeln. Der praktische Nutzen versteht sich im Handumdrehen, nicht minder die Verlockung. Über die Jahrhunderte hinweg haben Bankinstitute eine unverzichtbare Rolle als Marktplatz, Informationsbörse und Handelsbarometer eingenommen. Was ist in den letzten Jahren aus dem Ruder gelaufen, dass Banken reihenweise pleite gehen? Im Sinne ihrer Anleger haben sie wunschgemäß Geldmengen vermehrt. Immer häufiger ohne Risikobewusstsein, mit wucherndem Wachstum von virtuellen Geldmengen, deren Pfade weder extrem geschulte Investoren, noch hochgradig informierte Anleger oder gewöhnliche Sparer verfolgen, geschweige denn beurteilen können.
Anvertrautes Geld verpflichtet. Viele Banken weltweit haben, ganz nüchtern betrachtet, die Anliegen ihrer Kunden ignoriert, ja teilweise missachtet. Es wurden Finanzprodukte geschaffen, deren verflochtene Abhängigkeiten selbst die leistungsstärkste EDV nicht mehr transparent darstellen kann. Dabei lebt die Sache mit dem Geld von der tatsächlichen Wertschätzung und dem starken Vertrauen des einzelnen Menschen, der Handel betreiben will. Die Banken- und Finanzkrise der vergangenen Jahre ist deshalb eine des gigantischen Vertrauensverlustes. Diese und andere Sachverhalte werden im Buch zwischen dem Autor und seinen herausragenden, kenntnisreichen Interviewpartnern (z.B. Kerler, Binswanger, Hengsbach, Jorberg, Giegold) offensiv angesprochen. Mutmachender, inspirierender Diskurs und Information erfolgen entlang der Geschichte der GLS Bank in Bochum. Dieses alternative, genossenschaftlich strukturierte Geldinstitut vor unserer Haustür, weltweit zu den Pionieren zählend, wurde bereits 1974 gegründet. Betont ethisch-ökologische Umgangskriterien orientieren sich klar am nachvollziehbaren Wohl der Menschen. Über 11.000 Unternehmen und Sozialprojekte wurden seither in diesem Sinne gefördert. Jeder Anleger kann nicht nur bestimmen, wohin sein Geld fließt, sondern auch verfolgen, wie Geist und Energie des Geldes staunenswert wirken und neue solidarische Realitäten schaffen. GLS bedeutet übrigens „Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken“. Dass die Bank genauso arbeitet, habe ich als Projektpartner bereits mehrere Male positiv und überzeugend persönlich erfahren. Lesen sie dieses Buch, bevor sie an unserer Geldwirtschaft vollends verzweifeln. |
119. Catherine Valckx, Pfoten hoch!, aus dem Französischen übertragen von Julia Süßbrich erschienen im Moritz Verlag in Frankfurt, 36 Seiten gebunden durchgehend farbige Bilder, ISBN 978-3-89565-235-6, Preis 12,95 Euro, für Menschen ab 4 Jahre
Eine Knarre auf dem Cover eines Bilderbuchs. Novum und Provokation zugleich. Muss das sein? Ja! Billy ist aus der Art geschlagen. Sein Papa ist ein waschechter Gangster und Sohnemann soll in seine Fußstapfen treten. Offenbar hat der völlig andere Gene, dennoch wartet die erste Banditenstunde auf Billy. Versuch macht klug. Revolver, Gürtel, Maske und Hut bekommt er verpasst und die wichtigste Regel mit auf den Weg. Die Waffe muss auf Jemanden gerichtet werden und dann entschlossen „Pfoten hoch“ rufen. Aber den Fuchs soll er unbedingt meiden. Billy will auf keinen Fall versagen und zieht los. Egal, wen er trifft, es gilt, zielgerichtet mit der nicht geladenen Knarre üben. Klein anfangen, denkt er und schleudert sein „Pfoten hoch“ dem Regenwurm Hans-Peter entgegen. Sauberer Auftritt, doch ein Wurm hat nun mal keine Pfoten. Weil es eine Übung ist, zieht Billy weiter und hat einen Freund gewonnen. Beim Mausemädchen Josefine verläuft es ähnlich, denn sie fragt kess zurück, welche von ihren vier Pfoten sie nun heben soll. Billy ist erheitert. Jetzt sind sie schon zu dritt. Die Tiere sollen immer größer werden. Nun muss ein Hase seine Gefährlichkeit spüren. Doch der bleibt einfach nicht stehen, weil er ausgerechnet vom Fuchs gejagt wird. Holland ist in Not. Billy und seine neuen Freunde verstecken sich. Zu spät. Der Fuchs schnappt sich die köstliche Zwischenmahlzeit in Gestalt von Hans-Peter. Nun schlägt Billys Stunde. Mit eiskalter Stimme ist sein lautes „Pfoten hoch“ zu hören. Höchst beeindruckt gibt der Fuchs Fersengeld. Ab sofort ist Billy in den Augen seiner Freunde ein Held. Das muss der Gangsterpapa brühwarm erfahren. Der ist allerdings wenig erfreut, dass es sein Sohn Billy mit der Knarre nur zu neuen Freunden gebracht hat. Als aber die Geschichte mit dem Fuchs zum Besten gegeben wird, breitet sich auf dem Gesicht von Billys Papa ein stolzes Lächeln aus. Der satte, persiflierende Humor dieser Geschichte und die urkomischen Bilder entkrampfen endlich den hilflosen oder auch dogmatischen Umgang mit Spielzeugpistolen in unseren Kinderzimmern. Auch so kann das Revolverrohr verknotet werden. |
120. Pia Solèr, Die Weite fühlen, Aufzeichnungen einer Hirtin, erschienen im Verlag Weissbooks in Frankfurt, 128 Seiten gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, ISBN 978-3-86337-009-1, Preis 15 Euro
Allein der Titel lockt. Die Autorin, eine Ziegen- und Schafhirtin, lebt seit beinahe 20 Jahren allein auf einer Alphütte hoch oben in den Schweizer Bergen. Zwar dort geboren, führten ihre Wege sie zunächst ganz woanders hin. Sie lernte den lateinamerikanischen und asiatischen Kontinent kennen und fiel fehlte nicht, um in Mexikos Natur Wurzeln zu schlagen. Die Sehnsucht nach dem Vertrauten führte sie aber in die geliebte heimatliche Bergwelt zurück. Pia Solèr ist keine Schriftstellerin, sondern Hirtin. Genau an diesem Punkt liegen der unnachahmliche Reiz und die große Kostbarkeit dieser kleinen fragmentarischen Geschichten und Erlebnisse. Sie erzählt weder chronologisch noch linear. Vielmehr folgt sie ihrem Lebensgefühl in der dichten Verbundenheit mit der Natur. Sie lässt uns Anteil nehmen an ihren intensiven Sinneswahrnehmungen, die nur in einer solchen Stille weit ab vom Zivilisationslärm ausgeprägt werden. Ihre bisweilen leicht ungestümen Schilderungen erzeugen beim Leser ein Füllhorn an verschütteten inneren Bildern. Zeile um Zeile dämmert es uns, dass wir alle Kinder der Natur sind, die sich ihr längst entfremdet haben. Wir haben keine Ahnung, wie frische Luft wirklich riecht und schmeckt, welcher Navigationsinstinkt Ziegen und Schafen innewohnt und jedes GPS beschämt. Und wie gemütvoll, also seelisch reichhaltig, diese Tiere den Menschen begegnen. Nach der Lektüre durchzieht ein leiser Windhauch von Weite unser Herz. |
121. Leopold Maurer, Mann am Mars, erschienen im Luftschacht Verlag in Wien, 82 Seiten gebunden mit Flexcovereinband und durchgehend farbigen Comics, ISBN 978-3-902373-68-7, Preis 19 Euro
Nach der Mondlandung ist jetzt der Mars dran. Keiner hat bisher gecheckt, dass es schon soweit ist. Leopold Maurer hat den epochalen Vorgang eingefangen und schickt uns bilderhungrigen Menschen einen ersten Bericht. Seine Erkenntnisse sind verblüffend, denn der erste Marsmann ist nicht allein. Mit von der Partie ist Darwin, eine Schildkröte. Sie können exzellent bei solchen Einsätzen mitwirken, weil sie alt werden und oft weise sind.
Darwins philosophischer Höhenpflug verwundert deshalb nicht, wenn er immer wieder feststellt: „Das Leben ist ein Kreisverkehr. Immer Rein und Raus. Rein und Raus.“ Wer will das ernsthaft bestreiten. Kein Wunder, denn das gepanzerte Vieh behauptet, dass Gott leibhaftig auf der anderen Seite des großen Felsens anzutreffen sei. Wird die Mission doch noch spannend, als nur Marsgestein zu beobachten? Wird sie, denn auch Außerirdische tauchen wie aus dem Nichts auf und sind scharf auf den fossilen Brennstoff der Tankstelle, die unser Marsmensch aus PR Gründen mitgeschleppt hat. Weitere Typen bevölkern die Szene und hauchen der Geschichte mit ihrem feinen Nonsense Esprit politischen Dampf ein. Alles tragikomisch, wie im richtigen Leben. Leopold Maurer demonstriert meisterhaft in Dialog und Bild, welch dynamische Energie ein Comic transportieren kann. |
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